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Themen:
- Kleine Gewässer - Große Wirkung: Über die wahren Ursachen von
Hochwasser-Katastrophen und deren Vermeidung
- „Moorgeister und Elfen im Pfrunger-Burgweiler Ried:
Kritische Anmerkungen eines Steuerzahlers“
- Drainagegraben als Wasserspeicher nutzen
und zusätzliche Lebensräume schaffen
- Bald kein Hochwasser mehr in Bad Saulgau?
- Biotopverbund - ein modernes ökologisches Schlagwort oder
ein Erfolgskonzept für den Naturschutz?
- Wiesengraben - Technische Wasserrinne oder
ökologisch wertvoller Lebensraum?
- Hochwasser-Katastrophen vermeiden: Ein Konzept zur Vermeidung
von immensen materiellen Schäden, Verbesserung des Wasserhaushaltes,
Schaffung neuer Lebensräume und zur Schonung des Klimas
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Erich Koch
Seit Stunden sitze ich an diesem sonnigen Frühlingstag des Jahres 2010 auf meiner Gartenbank, direkt unter einer ausladenden Kätzchenweide und geschützt durch weiteres, dichtes Gebüsch und Stauden. Ich lausche dem vielstimmigen Vogelkonzert, das rings um mich her gegeben wird. Zu meiner Linken eilt ein kleiner Bach, das Strutbächle, unter Erlen und Weiden dem vor mir liegenden Weiher zu. Rechts vor mir setzt sich der Weiher fort, bis er in einem winterbraunen, fast undurchdringlichen Schilfwald endet.
Mit Zufriedenheit betrachte ich diese kleine Welt und meine Gedanken gehen um Jahrzehnte zurück. Es sind genau vier Jahrzehnte.
Damals dehnten sich hier mehrere eintönig nasse Wiesen aus und trotz aller Bemühungen, sie waren nutzlos für die Landwirtschaft. Dazu gehörte noch ein ehemaliger Torfstich, welcher sich klammheimlich über Nacht in einen Friedhof für ausgediente Autoreifen und anderen Müll verwandelte.
Der Vorbesitzer, ein Land- und Gastwirt, verkaufte mir das ganze, etwa 2 Hektar große Gelände, malerisch inmitten einem der zahlreichen oberschwäbischen Ried- und Waldlandschaften gelegen, sehr gerne und für wenig Geld.
Landratsamt, Forstamt und Gemeinde mussten gefragt werden. Es gab mehrere Begehungen, welche stets einen umfangreichen Schriftverkehr auslösten, der sich über mehrere Jahre hinzog und immerhin drei dicke Aktenordner füllte. Und die Aktenzeichen der Behörden wurden immer länger, zum Schluss 19-ziffrig.
Doch nach genau achttausendundzwanzig Gramm Behördenpapier, Planzeichnungen und orohydrographischen Flurkarten erhielt ich den amtlichen Segen und konnte endlich beginnen, mir den seit meiner Schulzeit alten Wunsch erfüllen, Besitzer eines eigenen kleinen Naturparadieses zu sein. Denn genau das wollte ich aus diesen nassen, wertlosen Wiesen mit ihrer wilden Müllkippe machen.
Dieser Wunsch nach einem Naturparadies entstand während meiner Schulzeit in einer katholischen Dorf-Volksschule. Die Volksschulen auf dem flachen Land Oberschwabens waren noch bis 1967 oftmals einklassig und katholisch, obwohl ich ein Evangelischer bin. Einklassig heißt, es gab nur einen einzigen Klassenraum für alle Schüler der Klassen eins bis acht. Und nur ein einziger Lehrer „regierte“ an einer solchen Dorfschule und hatte alle 8 Klassen zu unterrichten. Auch durfte ein Dorfschullehrer nie krank werden. Denn eine Vertretung gab es nicht.
Ich selber besuchte schon eine „moderne“ Volksschule in Ostrach. Das Dorf war etwas größer, hatte andeutungsweise schon städtische Züge und immerhin 1200 Seelen wohnten dort und wir besaßen ein eigenes, richtiges Schulgebäude mit 4 Klassenräumen. Es waren immer zwei Schuljahrgänge zu einer Klasse zusammengefasst und nach dem Abschluss der achten Klasse begann für uns alle ein neuer Lebensabschnitt, der Beginn einer Lehre oder Besuch der Handelsschule
Auch wenn täglich einige von uns Schüler Tatzen und Hosenspanner bekamen und viele Tränen geflossen sind, wir haben dennoch unsere Schulmeister geachtet und sogar bis heute verehrt . Denn sie haben uns Kindern viel beigebracht und nahezu jeder von uns Schülern hat ein anständiges Handwerk oder einen angesehenen Beruf erlernt.
Nur mit Sexualkunde ist es etwas dürftig ausgefallen.
Die gesamte Sexualkunde-Information während meiner Volksschulzeit bestand aus einem einzigen Satz und den hat uns unser damaliger Lehrer Martin Bucher so erklärt:
„Die Mädle, die krieget nur Tatza und koine Hosaspanner, weil dia amol später Kindla krieget“.
Das war’s mit meinem Sexualkunde-Unterricht an der Volksschule in Ostrach!
Doch zurück zu meinem alten Traum, Besitzer eines Naturparadieses zu sein.
Dieser Traum entstand, wie ich bereits erzählte, während meiner Schulzeit im Fach Naturlehre.
Das Fach Naturlehre beinhaltete die heutigen Schulfächer Biologie, Chemie, Physik und Technik. Es gab damals nur ein einziges Lehrbuch, aber da stand alles sehr anschaulich drin, was man für sein späteres Leben brauchen konnte. Auch konnte Lehrer Bucher uns Schüler für die Natur begeistern. Es war immer muksmäuschenstill im Klassenzimmer, wenn unser Lehrer von den Mooren, Sümpfen, Rieden und Seen erzählte, die meine oberschwäbische Heimat prägte.
„Oberschwaben, das ist das Land der tausend Moore, Seen und Wälder. Das müsst ihr Buba und Mäd‘la euch für emmer merka.“
So sprach unser Lehrer und ich hab’s mir nach 60 Jahren immer noch gemerkt.
In der Tat, nur wenige hundert Meter von unserem Wohngebäude, dem Bahnhof von Ostrach, breitete sich eines der größten Moore von Süddeutschland aus, das Pfrunger-Burgweiler Ried. Für mich als Bub war es riesig und unendlich. Wie von magischen Kräften wurde ich von den Sümpfen und Mooren angezogen, dem morastig riechenden Boden und dem Duft der zahlreichen wilden Blumen. Diese Moorlandschaft hatte für mich immer etwas Geheimnisvolles an sich und als wir in der Schule das Gedicht vom Erlkönig von Johann Wolfgang Goethe auswendig lernen mussten, war mein Glaube an Moorgeister und Elfen perfekt.
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Wer reitet so spät durch Nacht und Wind? „Mein Sohn, was birgst du so bang dein Gesicht?“ Du liebes Kind, komm, geh mit mir! „Mein Vater, mein Vater, und hörest du nicht, „Willst, feiner Knabe, du mit mir gehen? „Mein Vater, mein Vater, und siehst du nicht dort „Ich liebe dich, mich reizt deine schöne Gestalt; Dem Vater grauset’s, er reitet geschwind, |
Seitdem bringe ich einen eigenartigen Respekt und tiefe Achtung diesen Landschaften entgegen und so war mein Wunsch geboren, einmal selber Besitzer eines kleinen Natur-Paradieses zu sein.
Mittlerweile sind wir umgezogen, gut 10 Kilometer weiter ostwärts, nach Altshausen. Doch meine Begeisterung, ein Naturparadies zu erschaffen, war auch am neuen Ort ungebrochen und so machte ich mich vor genau 40 Jahren ans Werk, fing an zu überlegen und zu planen, zu graben und zu pflanzen. Lange Hecken und ein kleiner Wald sollten das Ganze nach außen abschirmen und zwei Weiher, jeweils mit einer Insel, sollten das Herz meines Naturparadieses bilden.
Bald sah ich ein, dass diese Einmannarbeit mit Spaten und Schaufel sowie einem altersschwachen Schubkarren nicht zu machen war. Ein Kettenbagger eines wohlgesonnenen Klein-Unternehmers aus Altshausen schaffte in acht Tagen, was mir in Monaten, vermutlich sogar nach Jahren mühsamster Arbeit nicht gelungen wäre, zwei Weiher anzulegen mit einer Ausdehnung von fast 50 Metern und einer Breite von rund 25 Metern. Und die Wassertiefe lag zwischen 2 und 3 Metern.
Und so lernte ich den Bagger als willkommenes Hilfsmittel des Naturschutzes kennen und nicht als eine naturzerstörende Technik.
Der Winter ging vorüber, der Frühling kam, und nun überstürzten sich die Ereignisse. Jeden Tag gab es Neues zu sehen. Auf den ausgehobenen Erdwällen blühte gelb der Huflattich. Die ersten Frösche stellten sich ein, die Teichmolche folgten, der Bachflohkrebs bevölkerte die Uferzonen und die ersten Fische, es waren Elritzen und Karauschen, bezogen ihr neues Habitat.
Die ersten Vögel sahen sich nach Nistgelegenheiten um, und zu meiner Freude konnte ich alle vier verschiedenen Meisenarten ausfindig machen, die Kohl-, Blau-, Baum- und Sumpfmeise.
Es war, als wolle die Natur so schnell wie möglich für ihre Geschöpfe Besitz ergreifen von diesem ihr zugedachten Stückchen Erde.
Jahre sind vergangen. Mittlerweile genau 40 Jahre. Aus dünnen Sträuchern wurde eine Heckenwand. Aus den zarten Waldsämlingen richtige, 25 Meter hohe Laub- und Nadelbäume. Die einst so kahlen Weiher haben sich mit üppiger Flora umgeben. Das Sumpfgebiet bedeckt ein Schilfwald.
Überall wächst und wuchert es. Es ist eine echte Heimat und Zuflucht für allerlei Groß- und Kleingetier geworden.
Und in meinen kühnsten Träumen hätte ich nicht erwartet, dass sich einmal eines der wertvollsten Landbiotope Mitteleuropas in meinem kleinen Paradies bilden würde, nämlich ein Streuwiesen-Biotop. Erst vor rund 10 Jahren wurde mir bewusst, welches Juwel sich da durch mein zufälliges Tun gebildet hat.
Die Flora der Streuwiesen besticht durch ihren außerordentlichen Artenreichtum. Es wurden schon Bestände mit 60 bis 100 verschiedenen Pflanzenarten auf wenigen Quadratmetern beschrieben. Auffällig ist der hohe Anteil von ästhetisch ansprechenden und auch seltenen und gefährdeten beziehungsweise vom Aussterben bedrohten Arten wie einige Orchideen, der Mehlprimel, dem Fettkraut oder dem Schwalbenwurzenzian.
Nicht nur die Flora, auch die Fauna der Streuwiesen trägt besondere Züge. Außerordentlich viele Tierarten nutzen sie als Lebensraum, sei es zur Nahrungsaufnahme, zur Fortpflanzung oder als Ruheraum.
Die Lebendigkeit und Lebensqualität der Streuwiesen sind geradezu sprichwörtlich. Je nachdem beansprucht die eine Tierart entweder nur bestimmte Pflanzenarten, eine andere nur bestimmte Teile einer Wiese wie die untere Krautschicht, nur einen bestimmten Wiesentyp oder aber größere, zusammenhängende Feuchtwiesengebiete.
Damit zählen Streuwiesen wahrhaft zu den lebendigsten Lebensräumen Mitteleuropas, entstanden aufgrund menschlicher Bedürfnisse und durch die wirtschaftende Hand des Bauers.
Mein Zutun war, diese Wiese aus Zeitmangel nur einmal im Jahr, und zwar im Spätherbst mit der Sense zu mähen und das strohige Mähgut abzurechen. Und schon entstand im Laufe der Jahre, für mich unbeabsichtigt, eines der kostbarsten Landschaftselemente, welche man in Mitteleuropa kennt.
Gewiss, all dies sind keine Sensationen. Was mich aber glücklich macht, ist der Gedanke, in dieser Welt der Massenvernichtung, in dieser Zeit des großen stillen Sterbens in unserer Natur ein Winziges getan zu haben, dieser Vernichtung und diesem Sterben entgegen zu treten.
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Ein kleiner Ausschnitt aus meinem Naturparadies. Einer der beiden Weiher ist auf dem Bild zu sehen. Der natürliche und auch der naturnahe Weiher („Natur aus zweiter Hand“) gilt als unser artenreichstes Gewässer. Und so trägt auch mein kleiner Weiher dazu bei, bestandsgefährdete Pflanzen- und Tierarten zu erhalten und weiteren wildlebenden Organismen in der Kulturlandschaft Lebensmöglichkeiten zu bieten. |
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von
Dr. Erich Koch,
Altshausen
Wasserbau und Kulturmaßnahmen
Die geradezu revolutionären Entwicklungen in der Landwirtschaft ziehen sich durch alle Bereiche der Landnutzung. In ganz besonderem Maße äußerten sie sich im Wasserbau. Die großen Flusskorrekturen des 19ten Jahrhunderts dienten noch vorwiegend oder ausschließlich der Schifffahrt, später auch zur Nutzung der Wasserkraft. Die Flussbegradigung hatte praktisch keinen Einfluss auf Häufigkeit und Stärke der Hochwässer, außer dass die Flut schneller flussabwärts vorankam, dafür aber auch schneller wieder ablief. Erst die massive Eindämmung der Flüsse in ihren früher weitläufigen Auen bewirkte ein starkes Ansteigen der Hochwasser-Höhen, weil sich die Pegel-Durchfluss-Beziehungen zu Ungunsten des natürlichen Abflussgeschehens veränderten. Die einst regelmäßig, aber unvorhersehbar überschwemmten Auen, die nur als Weideland genutzt werden konnten, ließen sich jetzt durch die Damm- und Deichbauten in Ackerland und nutzbares Bauland umwandeln. Ein regelrechter Erschließungsboom setzte ein, weil Bauland in den Flussauen in der Regel attraktiv (weil in Flussnähe), einfach zu nutzen (weil eben) und billig ist. Innerhalb weniger Jahre verwandelten sich dann die ehemaligen Flussauen zu Siedlungs- und Industriegebieten. Diese neue Landnahme entzog den Flüssen ihre Überschwemmungsflächen. Die Seitenausdehnung der Wassermassen war durch den Fluss- und Tal-(Auen)-Verbau massiv beeinträchtigt und ließ die Pegelstände erhöhen. Das verschärfte die Hochwässer in den am Fluss gelegenen Städten ganz erheblich, weil flussaufwärts die Rückhalteräume fehlen. Hier wurden und werden in der Bau- und Landnutzungsplanung regelmäßig Fehler gemacht mit teilweise verheerenden Auswirkungen.
So hat sich die Anzahl der einem möglichen Hochwasser ausgesetzten privaten Gebäuden sowie der gewerblichen und industriellen Anlagen seit Beginn des 20sten Jahrhunderts erheblich vergrößert. Durch die Ansiedlung des Menschen in Gewässernähe und der damit verbundenen Anhäufung von riesigen materiellen Werten sind jetzt enorme Hochwasserschäden die Folge. Verheerende Schäden an Privateigentum, kommunalen Gebäuden, Kulturdenkmälern, Infrastruktur und gewerblich-industriellen Einrichtungen sowie an Kultur- und Naturflächen sind zu beklagen. Durch die Wasserfluten werden Menschenleben bedroht und Arbeitsprozesse behindert. Kurzum, immense Werte werden vernichtet.
Hauptursache für Hochwasser-Katastrophen
Die weitaus größeren Veränderungen erzeugte jedoch der Ausbau der Gewässer dritter Ordnung im Rahmen des landwirtschaftlichen Wasserbaus. Ein Großteil der kleinen Flüsse, Bäche und sogar der Rinnsale oder nur zeitweise wasserführenden Gräben wurde mit immensem Aufwand an Geld so ausgebaut, dass das Niederschlags- oder Sickerwasser schnellstmöglich ab- und in die großen Flüsse eingeleitet wurde.
Dadurch laufen die Hochwasserwellen tendenziell erheblich schneller ab und bilden höhere Spitzen.
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Die Entscheidung liegt bei uns, ob wir das Wasser in kanalisierten Rinnen möglichst schnell an die Unteranlieger weiterleiten oder den Wasser-Rückhalt in der Fläche fördern und dadurch neue Lebensräume für eine Gewässerfauna und –flora schaffen. |
Ziel der Kulturmaßnahmen war es, auf allen landwirtschaftlichen Produktionsflächen auch möglichst gleichartige Produktionsbedingungen zu schaffen. Standortnachteile sollten behoben werden. Frühere Grenzertragsflächen, deren Bewirtschaftung im Vergleich zum Aufwand kaum Erträge erwarten ließ, konnten durch die Kulturmaßnahmen in die landwirtschaftliche Produktion mit einbezogen werden.Als eine der Hauptwirkungen dieser landesweiten Entwässerung der Fluren verschwanden weithin die Unterschiede in den Lebensbedingungen der Natur. Besonders groß wurden die Verluste bei den Feuchtgebieten. Moderne, von starken Motoren getriebene Maschinen ermöglichten die Entwässerung von Mooren, Feuchtwiesen und Sümpfen. Die Verlegung von Drainagerohren und das Ausbetonieren von Abzugsgräben gehörte zum Standard des Kulturwasserbaus. Der Ausbau der Gewässer dritter Ordnung verschlang jene Summen an Steuermitteln, die dringend benötigt worden wären, die Hochwasser-Probleme bleibend zu lösen.Auewälder wurden gerodet. In der Zeit von 1950 - 1975 verloren die mitteleuropäischen Flüsse den größten Teil der noch verbliebenen Auen. Seither gibt es durchschnittlich nur noch etwa 5 Prozent der früheren Auwaldflächen des unregulierten Zustandes. Auwälder, Sümpfe und Moore gehören zu den ganz großen Verlierern in der Umgestaltung der mitteleuropäischen Landschaften.Ein Großteil der Hochwasser-Schäden, die Ende des 20sten Jahrhunderts und vor allem in den letzten Jahren zustande gekommen sind, beruht auf diesen Maßnahmen. Für wenige Hektar hochwasserfrei angelegter Auen, die landwirtschaftlich genutzt werden können, haben die Anwohner flussabwärts und die Steuerzahler insgesamt unverhältnismäßig hohe Schäden abbekommen. Niederschläge normaler Größenordnungen, die keineswegs über Regenmengen früherer Jahrhunderte hinausgehen, schwellen zu nicht mehr kontrollierbaren Fluten an, weil praktisch alle Rinnsale, Gräben, Bäche und Flüsse das Wasser schnellstens ableiten. Die eingeschnürten Flüsse können diese Fluten natürlich nicht mehr fassen.Der Autor dieses Berichtes ermittelte die Gewässerstrecken der Fließgewässer dritter Ordnung in Deutschland, um das riesige Potenzial an Gewässerläufen quantitativ abzubilden. Dabei wurden alle Kleingewässer ab einer Breite von einem halben Meter bestimmt und dies bei einer mittleren Wasserführung. Eine Gewässerstrecke von mehr als 480 000 Kilometer der Gewässer dritter Ordnung wurde für Deutschland ermittelt.Das riesige Potenzial an diesen unzähligen kleineren Fließgewässern mit ihren Regulierungen bewirken in ihrer Summe die eigentlichen Hochwasser-Katastrophen. Anhand der so genannten „Elbeflut" vom August 2002 soll das verdeutlicht werden. Der Begriff „Elbeflut" weist in eine völlig falsche Richtung, denn im Elbetal selbst entstand nur ein Bruchteil der Schäden. Die großen Verwüstungen traten an den Zuflüssen der Elbe auf, oft an kleinen Bächen und harmlos dahin plätschernden Rinnsalen, die in kürzester Zeit zu reißenden Strömen wurden. Und hier muss stets das immense Potenzial an Kleingewässern im Bewusstsein bleiben. Denn kleine Gewässer sind quantitativ und qualitativ die „Kinderstube" der großen Bäche und Flüsse. Deshalb können diese immer nur so gut sein, wie es die vielen kleinen Gewässer im Einzugsgebiet zulassen.So wurde die Stadt Grimma in Sachsen nicht durch die Elbe vier Meter hoch überflutet, sondern durch den Nebenfluss Mulde. Der Ort Weesenstein wurde durch das Flüsschen Müglitz regelrecht zerstört und selbst der Sturzbach durch den Dresdener Hauptbahnhof hatte nichts mit dem Hochwasser der Elbe zu tun, sondern wurde durch die Weißeritz verursacht. Dieser Bach stand mit einem 100-jährlichen Abfluss von 350 m³/s zu Buche, der jetzt ankommende Scheitelabfluss lag bei 600 m³/s. Die Weißeritz, die im Stadtgebiet Dresdens heute teilweise unterirdisch fließt, war diesen Wassermassen nicht mehr gewachsen. Das überschießende Wasser suchte seinen alten Weg - und auf diesem steht mittlerweile Dresdens Hauptbahnhof.
Das Fazit ist: Kleine Gewässer - Große Wirkung!
Und so ist eine der Hauptursachen für die Hochwasser-Katastrophen, dass man die im 19ten Jahrhundert begonnene Regulierung der Flüsse konsequent im 20sten Jahrhundert bis in die Quellbezirke zu Ende führte. Die davon ausgelösten Hochwasser-Katastrophen sind keine Folge einer in Gang gekommenen Klimaerwärmung, sondern hausgemachte Ergebnisse des landwirtschaftlichen Wasserbaus, dessen Verantwortung an den jeweiligen Flurstücken oder spätestens an den Grenzen des zuständigen Wasserwirtschaftsamtes endet. Auch wenn in der Vergangenheit überregionale Kommissionen für Hochwasserschutzmaßnahmen gebildet wurden, so ist der Gedanke, sich um die Gemeinwesen flussabwärts zu kümmern, immer noch weitgehend fremd.Und hier muss radikal umgedacht werden. Was der Mensch durch den Wasserbau zerstört und gefährdet hat und durch den Klimawandel verstärkt wird, wird ein Wassermangel in Europa sein. Sauberes Wasser droht zu einem knappen Gut zu werden. Auch das Grundwasser, bisher noch am saubersten, ist gefährdet: In vielen Städten reicht es zur Wasserversorgung nicht mehr aus und muss mit Oberflächenwasser künstlich angereichert werden. Deshalb muss ein neues „hydrologisches Grundgesetz" in die Schul- und Lehrbücher sowie in die Gewässer relevanten Gesetzeswerke eingeführt werden:
Das Wasser zurückzuhalten muss oberste Priorität haben.
Für eine realistische Lösung der gesamten Hochwasserproblematik im Binnenland gibt es nur einen Weg, nämlich die Wasserrückhaltung in der Landschaft des gesamten Einzugsgebiets eines Gewässers. Denn der Raum, den die Flüsse im unregulierten Zustand früher eingenommen hatten, ist längst anderweitig genutzt und nicht mehr wieder zurückzugewinnen.
Anhand einfacher Grundlagen der Hydrologie können Niederschlag, Wasserabfluss, Verdunstung und Wasserspeicheränderung quantitativ bewertet werden. Hierbei nimmt der Wasserabfluss in der Hydrologie eine Schlüsselstellung ein. Da die Verdunstung insgesamt für ein größeres Gebiet nicht zu erfassen ist, geht die Hydrologie von den Abflussmengen aus, die an den Fluss-Pegeln allgemein seit Beginn des 19ten Jahrhunderts gemessen werden.
Hochwasser-Katastrophen vermeiden
Die Bilanzierung von Wasserumsätzen erfolgt auf der Grundlage des Massenerhaltungssatzes. Die hydrologische Bilanzgleichung lautet in ihrer einfachsten statischen Form:
| N = A + V + ΔS |
Die Größe N bedeutet den auf ein umgrenztes Gebiet (hydrologisches Einzugsgebiet) fallenden Niederschlag, A die Wassermenge, die ober- und unterirdisch abfließt und V sämtliche Arten der Verdunstung (Evapotranspiration), also die Gesamtverdunstung aus Evaporation, Interzeption und Transpiration. Die 4. Größe berücksichtigt die Wasserspeicheränderung ΔS. Die Wasserspeicherung kann als Eis, Schnee, Oberflächenwasser und unterirdisches Wasser (Boden- und Grundwasser) erfolgen. Die Bewertung der Wasserumsätze durch Niederschlag, Abfluss, Verdunstung und Speicheränderung erfolgt als Volumen pro Flächen- und Zeiteinheit, z.B. mm/d.Die Formel der hydrologischen Bilanzgleichung besagt, dass die Summe der Mengen aus Abfluss, Verdunstung und Speicheränderung eines hydrologischen Einzugsgebietes in einem gewählten Zeitabschnitt (z.B. monatlich) die Niederschlagsmengen ergeben. Damit spielt die Wasserbilanz eine wesentliche Rolle für die Ermittlung der Wasserspeicherkapazität von Niederschlägen in einem Einzugsgebiet. Die hydrologische Bilanzgleichung spiegelt weiterhin in einem gewissen Grad das landschaftliche Milieu des Einzugsgebietes eines Flusses wieder. Denn Art, Intensität und Dauer des Abflusses hängen von der Morphologie des Flussgebietes, der Beschaffenheit des Bodens, des Untergrundes sowie der Vegetation ab.Ebenso können sich die menschlichen Eingriffe in Gestalt von Flussbegradigungen, Kanalisierungen, Eindeichung, Erhöhung der Abflussgeschwindigkeit von Bächen und Flüssen, Versiegelung der Böden, ansteigender Auenverbau und zunehmende Besiedlungsdichte signifikant, teilweise sogar entscheidend auf die Abfluss-Bilanz eines Flusses auswirken, wie durch die hydrologische Bilanzgleichung innerhalb eines bestimmten Zeitabschnitts beschrieben werden kann:
A = N - V - ΔS
A = Abfluss
N = Niederschlag
V = Verdunstung
ΔS = Wasserspeicheränderung
Alle Terme werden in Volumen pro Flächen- und Zeiteinheit gemessen und beziehen sich auf das hydrologische Einzugsgebiet.
Diskussion der hydrologischen Bilanzgleichung
Fall 1: Es wird eine extrem große Niederschlagsmenge N in einem begrenzten Einzugsgebiet und innerhalb eines bestimmten Zeitabschnitts angenommen. Dann ist die Abflussmenge A primär abhängig von der Niederschlagsmenge N sowie von der Verdunstung V und Änderung der Wasserspeicherung ΔS. In einer Kulturlandschaft mit geringer Wasserspeicheränderung oder einer urbanen Region mit hoher Bodenversiegelung sind die beiden Terme V und ΔS klein. Damit wird die Abflussmenge eines Gewässers im Wesentlichen durch die Niederschlagsmenge N bestimmt. Sintflutartige Regenfälle bedingen dann einen extremen Anstieg des Abflusses.
Ergebnis Fall 1: Eine Flutwelle baut sich auf. Verheerende Hochwasserschäden werden die Folge sein.
Fall 2: Wie im Fall 1, wird von einer extrem großen Niederschlagsmenge ausgegangen. In einer naturbelassenen Landschaft kann die Verdunstung V und die Änderung der Wasserspeicherung ΔS hoch sein. Die Abflussmenge A eines Gewässers wird dann wesentlich durch die beiden Terme Verdunstung V und Speicheränderung ΔS bestimmt. Der Aufbau einer gefährlichen Flutwelle wird generell vermieden. Es kommt zu einem kontinuierlichen Anstieg des Wasserpegels. Ein „normales" Hochwasser als völlig natürliche Erscheinung ist die Folge.
Ergebnis Fall 2: Verheerende Überflutungsschäden wie im Fall 1 werden ausbleiben.
Das Resultat der hydrologischen Bilanzierung ist, dass vorbeugender Hochwasserschutz grundsätzlich machbar ist. Grundlegendes Wissen ist hierzu vorhanden. Jedoch beschränkte sich der Hochwasserschutz in der Vergangenheit weitgehend auf bautechnische Maßnahmen. Integrierende Präventionsmaßnahmen wurden bislang nicht oder nur wenig realisiert.
Die praktische Umsetzung
Eine sehr große Zahl an Experten, Universitätsinstituten, Behörden, Landesämter, Bundesanstalten und Staatsregierungen, dann Komitees für Katastrophenvorsorge und die Initiativen zur Verbesserung der Hochwasservorsorge sowie zahlreiche andere Einrichtungen beschäftigen sich seit Jahrzehnten intensiv mit der Hochwasserproblematik. Viele der dort erarbeiteten Konzepte mögen richtig und wertvoll sein, doch die Tatsache bleibt, dass in den letzten 20 Jahren die Schäden durch Flutkatastrophen verheerende Ausmaße angenommen haben.
Dieser Sachverhalt wurde vom Autor zum Anlass genommen, ein einfaches, praktikables, ökologisch und ökonomisch sinnvolles Konzept zu entwickeln, welches die durch Hochwasser verursachten immensen Schäden im Binnenland signifikant mindert oder gar gänzlich verhindert.
Die grundlegende sowie naheliegende Idee ist, das Niederschlagswasser nicht schnellstmöglich in großdimensionierten, geraden Gerinnen wegzuschaffen, sondern das Niederschlagswasser muss von Anfang an und unmittelbar im Einzugsgebiet eines Gewässers unter optimaler Nutzung aller natürlichen Speichermöglichkeiten zurückgehalten werden. Natürliche Speicher sind Waldungen, Moore, Seen, Tümpel, Weiher, Senken und Überschwemmungsgebiete.
Dränage- und Wassergräben, welche bislang üblicherweise mit einem Gefälle von 1 bis 2 % zum Vorfluter (= Bach, Fluss) hin verlaufen, erhalten ein „negatives" Gefälle. Sie werden „gekippt" und zur Senke ausgebildet, um die Wasserspeicherkapazität gegenüber einem konventionellen Drainagegraben signifikant zu erhöhen. Die Sohle eines solchen Grabens, hier Grabenspeicher genannt (= Graben für Wasserspeicherung), liegt damit grundsätzlich tiefer als die Sohle des Vorfluters. Die Absenkung im Grabenspeicher soll mindestens 0,2 % Gefälle gegenüber der Sohle des Fließgewässers betragen. Damit ist gewährleistet, dass der Grabenspeicher ganzjährig mit Wasser gefüllt ist.
Das Ziel muss sein, jeden bisherigen Drainagegraben oder jedes Rinnsal zu reaktivieren und als Grabenspeicher auszubauen, um möglichst ein Maximum an Rückhaltevolumen, sog. Retentionsräumen, zu erreichen. Ebenso können Mulden, Senken, Tümpel, Rigolen, Sölle, Schlatts, Teiche und Weiher, welche mit dem Vorfluter hydraulisch vernetzt sein müssen, für eine natürliche Speicherung des Niederschlagswassers benutzt werden. Durch die vorstehend beschriebenen Maßnahmen wird ein Retentionsnetz aufgebaut, um die Flutwelle im Bach oder Fluss zu kappen und in die Breite abzuleiten. Dadurch wird der Wasserabfluss räumlich und zeitlich entzerrt.
Der Schutz und die Wiederherstellung ökologisch funktionsfähiger und naturnaher Kleingewässer wird zukünftig nicht nur eine wesentliche Aufgabe der Wasserwirtschaft sein, sondern erfordert ebenso eine intelligente Zusammenarbeit mit den verschiedensten Verbänden und Organisationen.
Die hohe ökologische Bedeutung solcher alternativen Grabenspeicher ist beachtenswert. Durch den ganzjährig hoch anstehenden Wasserspiegel und das Anlegen von Gewässerrandstreifen können neue Lebensräume von höchster Qualität entstehen, auch für Kleinfisch-Habitate (Beispiel: Karausche). Und oftmals sind solche Grabenspeicher die einzigen aquatischen und amphibischen Biotope in einer monotonen Kulturlandschaft.
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Ein Beispiel für einen naturnah geschaffenen Retentionsraum durch Ausbau eines ehemaligen Drainagegrabens zu einem Grabenspeicher und Aufweitung am Grabenende zu einem Tümpel. Hier können, je nach Grabenlänge, mehrere 100 m³ Wasser gespeichert werden und darüber hinaus entsteht ein neuer Lebensraum für eine Wasserfauna und –flora. |
Weitere Retentionsräume wären Stauseen-Ketten, aber auch Mühlen- und Fischteiche. Es ist vorhersehbar, dass Stauseen-Ketten mit entsprechend großen Flutungsflächen die Natur künftig mitprägen werden. Die besten natürlichen Vorbilder für eine solche Stauseen-Kette sind unter anderem der Bodensee, Genfer See und Chiemsee.
Synergien
Es bedarf keiner langen Erklärungen, dass durch die gezielte Speicherung von Niederschlägen und Hochwasser sich zahlreiche Synergien für Natur und Landschaft (Biodiversität und Biotopbildung), Wasserwirtschaft (Infiltration) , Landwirtschaft (Fruchtbarkeit) und Mensch (Trinkwasser) ergeben. Wesentlich ist dabei auch die soziale Verantwortung hinsichtlich Hochwasserschäden gegenüber den Anwohnern flussabwärts (präventiver Hochwasserschutz). Denn Schadenshochwässer zu vermeiden, gebietet die Menschlichkeit.
Das Lebenselement Wasser steht hier stellvertretend für alle natürlichen Rohstoffe. Wir müssen lernen, mit unseren Lebensgrundlagen vernünftig und haushälterisch umzugehen.
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Vortrag von Dr. Erich Koch, Altshausen, gehalten am 02. Juni 2010 in Laubbach, Gemeinde Ostrach.
Meine Damen und Herren!
Manche von Euch kennen mich seit rund 60 Jahren, einige kennen mich noch nicht. Deshalb möchte ich mich kurz vorstellen.
Mein Name ist Erich Koch, ich bin hier in Ostrach aufgewachsen und zur Schule gegangen.
Jeden Morgen, wenn ich die hölzernen Fensterläden von unserem Kinderzimmer öffnete und abends wieder verschloss, richtete sich mein Blick nach Laubbach.
Wir wohnten vor rund 60 Jahren im Bahnhofsgebäude von Ostrach und das damalige 50 Seelendorf Laubbach lag genau im Blickwinkel von unserem Kinderzimmer, allerdings ganze 2 Kilometer weiter südlich, idyllisch am Hang gelegen.
Und so verbinden mich angenehme und schöne Erinnerungen an Laubbach, vor allem dann, wenn ich an die nette Mädele von Birkhofers und Müllers denke.
Das Pfrunger Ried und vor allem der „Halder-Weiher“ waren damals beliebte Ziele für uns Buben am Nachmittag nach der Schule.
Der „Halder-Weiher“ wurde so von den Ostrachern genannt, die Burgweiler sagen dazu „Burgweiler Baggersee“ und in der Amtssprache heißt er „Fünfeckweiher“.
Für mich als Bub war das Ried riesig und unendlich. Wie von magischen Kräften wurde ich von den Sümpfen und Mooren angezogen, dem morastig riechenden Boden und dem Duft der zahlreichen wilden Blumen.
Das waren einst Kindheitserlebnisse vor rund 60 Jahren, mittlerweile bin ich Rentner und nach wie vor Steuerzahler und damit wie Sie, verehrte Zuhörer, Mitfinanzierer der Ried-Stiftung, wenn auch nur zu einem kleinen Bruchteil.
Und so möchte ich mit ihnen zusammen als Bürger und Steuerzahler einige Facetten der Vernässungsaktionen hinterfragen.
Damit soll das Thema meines Referates lauten:
Meine Damen und Herren,
schon immer umgibt Sümpfe und Moore etwas Geheimnisvolles. Kein Wunder, dass sich um diese Lebensräume Sagen ranken und an fast jeder deutschen Schule gehört das Gedicht vom Erlkönig von Johann Wolfgang Goethe zum Pflichtprogramm im Deutschunterricht:
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Wer reitet so spät durch Nacht und Wind? „Mein Sohn, was birgst du so bang dein Gesicht?“ Du liebes Kind, komm, geh mit mir! „Mein Vater, mein Vater, und hörest du nicht, „Willst, feiner Knabe, du mit mir gehen? „Mein Vater, mein Vater, und siehst du nicht dort „Ich liebe dich, mich reizt deine schöne Gestalt; Dem Vater grauset’s, er reitet geschwind, |
Das Gedicht beschreibt, ohne es direkt beim Namen zu nennen, das beklommene Gefühl, das viele Menschen beim Thema Moor und Sumpf über Jahrtausende hinweg hatten.
Ein eigenartiger Respekt wurde diesen Landschaften entgegengebracht, in denen Moorgeister und Elfen vermutet wurden.
Auch wenn die Menschen von heute nicht mehr an Elfen und Moorgeister von damals glauben, so möchte ich dennoch einen Bezug zwischen Goethes Gedicht vom Erlkönig und den heutigen aktuellen Verhältnissen im Pfrunger-Burgweiler Ried herstellen.
Der Erlkönig mit seinen Moorgeistern und Elfen, das könnte die Stiftung Naturschutz Pfrunger-Burgweiler Ried sein.
Denn vor allem im Stiftungsvorstand gibt es Moorgeister, welche in der Vergangenheit sehr verlockende Versprechungen für die Bevölkerung machten:
• Alle werden gewinnen
• Es entsteht ein Plus an Lebensqualität für die Riedanwohner
• Ein einzigartiges Natur-Juwel wird entstehen
• Eine abwechslungsreiche und vielgestaltige Natur- und Kulturlandschaft entsteht
• Die gesamte Region profitiert von der Attraktivität als Erhlolungsraum
• Die Landwirtschaft soll profitieren durch neue Perspektiven.
• Blühende Landschaften mit blumenreichen Wiesen entstehen
• Und das Klima wird gerettet: Denn durch die Wiedervernässung von Mooren wird die Freisetzung großer Mengen von Kohlendioxid und Stickstoff
verhindert.
In der Vaterrolle, da sehe ich die politisch Verantwortlichen, wie die Bürgermeister, Ortsvorsteher, die meisten Mitglieder der Gemeinderäte, den Stiftungsrat, dann die 41 Mitglieder aus verschiedenen regionalen und nationalen sowie privaten Institutionen, welche die
Projektbegleitende Arbeitsgruppe (PAG) bilden.
Deren Stimme sagt:
„Bleib ruhig, mein Bürger, bleib ruhig. Das ist deine erste Pflicht. Es geschieht dir nichts. Es wird alles gut.
Der Erlkönig, die Moorgeister und Elfen, das sind alles gute Leut‘. Die wollen nur das Beste für euch, Bürger aus Waldbeuren, Burgweiler und Laubbach“.
Dann das Kind aus Goethes Gedicht. Es ist der eindeutige Verlierer:
„Er hält in den Armen das ächzende Kind,
Erreicht den Hof mit Mühe und Not;
In seinen Armen das Kind war tot.“
Mit dem Kind in Goethes Gedicht ist vergleichbar:
• Die Riedanwohner. Konkret: Die Bürger von Waldbeuren, Burgweiler und Dichtenhausen
• Die Natur und Landschaft
• Der Steuerzahler
Auch der Allgemeinheit wird dieses traurige Schicksal angedroht, denn im Internet wird von den Moorgeistern gewarnt:
Achtung Legensgefahr!
Eine Begehung der wiedervernässten Bereiche ist lebensgefährlich!
Das heißt für Ostracher Bürger, wenn sie einen sonntäglichen Spaziergang oder Radausflug ins Pfrunger-Burgweiler Ried unternehmen, dass sie dieses Naturerlebnis eventuell mit dem Tode bezahlen müssen, so wie der Knabe in Goethes Gedicht „Der Erlkönig“.
Denn es wird ja ausdrücklich gewarnt von den Verantwortlichen der Stiftung Naturschutz: Achtung – Lebensgefahr!
Und diese Moorgeister, die vor einem lebensgefährlichen Ausflug warnen, und sich dabei heroisch Naturschützer nennen, haben sich in einer
Stiftung Großprojekt Pfrunger-Burgweiler Ried vereinigt, deren Hauptaufgabe es offensichtlich ist, sauer erarbeitetes Geld der Bauersleut, von Arbeitern und Handwerker in Millionenhöhe in das Moor hineinzustopfen und dazu noch die Ried-Anwohner zu ängstigen.
Dann haben wir es mit weiteren, modernen Moorgeistern zu tun. Es sind allerdings keine aus Fleisch und Blut, sondern aus Glas und hartem Stahl.
Der eine von den Moorgeistern, der verursacht einen Höllenlärm, wenn fliegende Baumstämme über das Moor im Pfrunger-Burgweiler Ried transportiert werden.
Und der andere, ebenfalls ein technisierter Moorgeist, ist genauso schwergewichtig und mit einem langen Arm ausgestattet, welcher alle Wasserläufe mit Querbauwerken von bis zu 65 Metern Breite verriegelt, alles perfekt wasserdicht macht, damit Pflanzen und Milliarden über Milliarden an Bodentieren sterben, qualvoll, dafür aber lautlos.
Das ist der Grund, weshalb die Bürgerinitiative aus Waldbeuren und Burgweiler zu dieser Veranstaltung heute Abend hier nach Laubbach eingeladen hat, um zu hinterfragen, ob es überhaupt solche Moorgeister gibt, welche die jetzige Natur regelrecht ersäufen wollen, um eine andere, ganz spezielle Natur heran zu züchten, die vielleicht einmal in Hunderten oder gar Tausenden von Jahren entstehen könnte.
Doch das weiß keiner so genau.
Sicher ist nur, dass der Arbeiter und Bauer mit seiner Hände Arbeit und seinen Steuergeldern in Millionenhöhe diese Ideologie einiger Weniger bezahlen muss. Tatsache ist, dass Millionen an Steuergelder ausgegeben werden, damit eine über Jahrzehnte, ja, sogar über zwei Jahrhunderte gewachsene Kultur- und Naturlandschaft ausgelöscht wird.
Aber um einen sicheren Schülertransport für unsere Kinder von Burgweiler nach Wilhelmsdorf zu organisieren, dafür ist seit Jahren kein Geld vorhanden.
Das soll ein normal denkender, arbeitender und brav steuerzahlender Bürger noch verstehen!
Werte Bürger aus dem Ostrachtal, ich verstehe es auf jeden Fall nicht!
Unser Protest
Kommen wir zur Sache. Unser Protest richtet sich nicht gegen die jahrzehntelangen Bemühungen des Schwäbischen Heimatbundes (SHB) zur Erhaltung des Pfrunger-Burgweiler Riedes, welcher bereits 1939 größere Moorflächen für Naturschutzzwecke erworben hat. Auch die Leistungen des Naturschutzbundes Deutschland (NABU) in Zusammenarbeit mit Patienten und Arbeitstherapeuten der Suchtklinik und dem Fachkrankenhaus Ringgenhof wissen wir sehr zu schätzen. Denn wir Bürger und Naturfreunde halten Moore für äußerst wertvolle Lebensräume.
Und wir treten nachhaltig für den Erhalt „unseres“ Pfrunger-Burgweiler Riedes ein, gestaltet nach unseren Bedürfnissen und Zielvorstellungen, weil dies unser Wohn- und Lebensraum bedeutet. Hier sind wir aufgewachsen, hier leben und arbeiten wir, hier wohnen wir mit unseren Familien und dies ist unsere angestammte Heimat.
Deshalb wehren wir uns vehement gegen eine Unterwerfung der Natur durch eine Stiftung, welche nach jetziger Sachlage für 10 Jahre vorgesehen ist (2002 – 2012) und deren Mitglieder und Verursacher dann sang- und klanglos untertauchen und dabei möglicherweise einen nicht finanzierbaren „Scherbenhaufen“ hinterlassen, welchen dann wir Anwohner von Burgweiler und Waldbeuren über Jahre und Jahrzehnte wegzuräumen haben und der Bürger mit seinen Steuergeldern diese unseligen Hinterlassenschaften bezahlen muss.
Es ist eine seit Jahrtausenden vom Menschen gemachte Erfahrung, dass die Natur nicht alles mit sich machen lässt. Bei allem Willen zur Herrschaft über sie, über Nacht aus Wiesen und Wäldern, aus einem Niedermoor ein Hochmoor im Pfrunger-Burgweiler Ried schaffen zu wollen, das kann ein Frevel an der Natur sein.
Wenn jemand nur einfache, elementare Kenntnisse über Naturprozesse besitzt, so wie es meine Generation vor rund 60 Jahren im Fach Naturlehre an der damaligen Volksschule in Ostrach von unseren verehrten Lehrern Martin Bucher, Hans Mayer und Fidelius Teufel gelernt hat, dann muss man sich der Natur anpassen und man muss vor allem mit ihr schonend umgehen. Wenn das aufgrund einer ideologischen Verbrämtheit nicht eingesehen wird, dann kommt es unweigerlich zu Katastrophen.
Die erste Katastrophe, welche durch die Vernässung angerichtet wird, wird von der Allgemeinheit nicht bemerkt, weil sie sich lautlos, aber qualvoll vollzieht. Es ist die Bodenzerstörung.
Das Leben im Boden ist bekanntlich unvorstellbar vielfältig und artenreich. Bereits in einem Fingerhut, gefüllt mit Erde, befinden sich mehrere Milliarden von Lebewesen. Denn der Boden ist das größte Reservoir für biologische Vielfalt auf unserer Erde.
Boden und die darin lebenden Organismen gehören untrennbar zusammen. Dies ist ein Grundgesetz der Biologie.
Der Boden, so wie wir ihn vorfinden, ist weitgehend ein Produkt seiner Bewohner. Und ein gesunder Boden hat Hohlräume, die für das Leben darin und für einen ständigen Stoffaustausch, wie zum Beispiel den Luftaustausch , zwingend notwendig sind.
Durch die Vernässungsaktionen wird die Bodengare und damit die Bodenbiologie in wenigen Augenblicken nahezu vollständig zerstört. Innerhalb kürzester Zeit wird ein auf Sauerstoffbasis aufgebautes Edaphon, also das Bodenlebewesen, regelrecht zerstört und in ein lebensfeindliches, anaerobes Milieu umgewandelt, in ein Milieu ohne Luftsauerstoff. Die biologische Aktivität des Bodens wird erheblich beeinträchtigt, indem die Tätigkeit der vorwiegend aerob lebenden Mikroflora wie die Nitratbildner, Stickstoffsammler, Schwefelbakterien und vieles anderes, ebenso wie die der Bodentiere massiv gehemmt wird.
Myriaden, das heißt unendlich viele Bodenlebewesen werden durch die Vernässung abgetötet bis hin zu den Kleinsäugern, die lautlos, aber qualvoll durch die High-tec-Hubschraubervernässungsaktionen sterben.
Für uns Naturfreunde aus dem Ostrachtal ist das eine Vergewaltigung der Natur, weil hier Leben vorsätzlich zerstört wird.
Auch verstößt die Riedstiftung gegen bestehende Gesetze, wie dem Bundesnaturschutz-Gesetz, weil hier zum Beispiel geschützte Bodentiere und Kleinsäuger getötet werden sowie die Lebensgrundlage für geschützte Pflanzen entzogen wird.
Naturfreunde aus dem Ostrachtal wissen, dass die Stabilität im Landschaftshaushalt weitgehend durch biologische Vielfalt in der Landschaft gewährleistet wird. Vielfalt, das bedeutet eine gewisse Mannigfaltigkeit von Biotopen und damit ein Reichtum an Pflanzen- und Tierarten.
Durch die Vernässungsaktionen werden zahlreichen Tieren und Pflanzen ihr angestammter Lebensraum durch die Vernässung brutal zerstört. Und es sind eine große Anzahl an Tieren und Pflanzen, welche als gefährdet oder stark gefährdet auf den „Roten Listen“ aufgeführt sind und damit gesetzlich geschützt werden müssen.
Die biologische Vielfalt wird durch die Vernässung erheblich zusammenbrechen, was auch die berechtigten Bedenken des Kreisnaturschutzwartes sind.
Doch die Moorgeister der Riedstiftung sind da anderer Meinung. Es muss alles platt gemacht werden, mit Kosten in Millionenhöhe an Steuergeldern, damit Sonnentau, Wollgras und Torfmoos gedeihen können, was jedoch niemand garantieren kann und eventuell bis zu mehreren tausend Jahren für das Aufwachsen des Moores dauern kann, wie der Moor-Experte Dr. Alois Kapfer seinem Buch „Sümpfe und Moore“ auf Seite 12 beschreibt. Er schreibt, dass unter bestimmten Bedingungen, und ich zitiere jetzt wörtlich aus dem Buch von Dr. Kapfer „so können daraus leicht 10 000 Jahre werden.“
Viele von Ihnen wissen, dass Dr. Kapfer ein anerkannter Fachmann auf diesem Gebiet ist und selber den Pflege- und Entwicklungsplan (PEPL) für die Ried-Stiftung Pfrunger-Burgweiler Ried erstellt hat.
Ganz allgemein, der Beginn der Moorbildung des Pfrunger-Burgweiler Riedes reicht bis in die Anfänge der Nacheiszeit vor über 10 000 Jahren zurück. Und dies ist auch der Grund, weshalb das Bayerische Landesamt für Umwelt in ihrer Broschüre „Entwicklungszeiträume von Ausgleichs- und Ersatzmaßnahmen – Arbeitshilfen zur Entwicklung und Erhaltung von Ökoflächen“ regelrecht auf den Seiten 6 und 7 davor warnt, Hochmoore wieder herzustellen.
Ich halte einige dieser Broschüren für Interessierte kostenlos bereit.
In der amtlichen bayerischen Broschüre wird regelrecht mit drei Ausrufezeichen davor gewarnt, zu versuchen, Hochmoore wieder herzustellen, weil sie als „nicht regenerierbar“ deklariert werden.
Die Begründung ist, weil das Wiederherstellungsrisiko von Hochmooren von vielen Faktoren abhängig ist, welche vom Menschen überhaupt nicht beherrschbar sind. Und je länger ein Lebensraum zur Entwicklung benötigt, wie beim Hochmoor von mehreren tausend Jahren, umso größer ist sein Wiederherstellungsrisiko und umso unsicherer ist der Erfolg.
Was heißt das im Klartext?
Es werden Steuergelder in Millionenhöhe ausgegeben, um eine über Jahrzehnte gewachsene Natur- und Kulturlandschaft mit hoher biologischer Vielfalt auszulöschen, damit eine eventuelle ganz spezielle, hochspezialisierte und höchst anfällige monotone Vegetation mit einem extrem hohen Herstellungsrisiko in etwa 10 000 Jahren entstehen könnte.
Jeder normal denkende Mensch würde ein solches Ansinnen als absurd bezeichnen. Doch es sind ja „nur“ die Steuergelder des arbeitenden Menschen, welche da in einer verantwortungslosen Weise für Hubschrauber-Vernässungsaktionen und sehr kostspielige Oberflächen-vermessungen für ein digitales Terrainmodell per Flugzeug durchgeführt wurden, man eine Brücke für 300 000 Euro baute und hinterher feststellte, dass sie für den landwirtschaftlichen Einsatz um einen halben Meter zu schmal ist, während auf der anderen Seite der Staat mit fast 2 Billionen Euro verschuldet ist.
Dürfen moderne Moorgeister und Elfen derart verantwortungslos mit dem Geld des Bürgers umgehen? Ich meine, über diese zentrale Frage sollte jeder Einzelne einmal nachdenken.
Durch die Vernässung wird sich das Mikroklima für die Bewohner von Waldbeuren und Burgweiler erheblich verschlechtern. Dicke Nebelschwaden hängen an vielen Tagen des Jahres schwer über dem morastig riechenden Boden. Die Sicht wird im Frühjahr und Herbst gerade mal ein paar Meter weit reichen und selbst wenn die Sonne ab und an mal durchbricht, bekommt man dann im Landschaftsbild einige verkrüppelte Birken zu sehen.
Die Schnakenplage im Sommer wird für die Bewohner zum Alptraum und die Atemwegserkrankungen der hiesigen Bevölkerung wird aufgrund der hohen Luftfeuchtigkeit eindeutig zunehmen.
Das Grundwasser wird durch Schwermetall-Ionen sowie toxische organische Derivate aufgrund der einsetzenden Anaerobie der Bodenhorizonte kontaminiert und damit besteht auch die berechtigte Sorge, dass die Trinkwasser-Qualität abnimmt.
Die Atemluft wird durch die entstehenden Faulgase aufgrund der Vernässung durch toxische Gase verunreinigt, vor allem durch das giftige Gas Schwefelwasserstoff und das globale Klima wird durch die Entstehung von Treibhausgasen wie Kohlenstoffdioxid, Methan, Wasserstoff, Schwefelwasserstoff, Stickoxide wie das Lachgas N2O geschädigt.
Um das Moor zu konservieren, würde der logisch denkende Mensch in der Tal-Aue der Ostrach beginnen, einmal aus topographischen Gründen und zum anderen, weil dort die größte Moormächtigkeit von bis zu 8 Metern vorliegt. Die technische Durchführung in der Bachaue ist relativ einfach, weil man hier sämtliche Drainagegräben „kippen“ und zu Senken ausbilden kann. Dadurch wird der Wasserhaushalt verbessert (Infiltration), der Natur- und Landschaftsschutz durch Biotop-Vernetzung ökologisch aufgewertet, die Biodiversität durch Schaffung neuer Lebensräume erheblich erweitert. Es werden Retentionsräume geschaffen und damit ein signifikanter Beitrag zum präventiven Hochwasserschutz geleistet, damit flussabwärts Hochwasserschäden vermieden werden.
Die Grünlandfluren werden den Bauern mehr Ertrag liefern und die Befahrbarkeit durch die landwirtschaftlichen Maschinen wird verbessert.
Und es können auch Kosten in einem erheblichen Umfang eingespart werden. Wir haben eine Kosteneinsparung von mehr als 80 % gegenüber den bereits jetzt verursachten Kosten abgeschätzt.
Worüber wir uns auch wundern, ist, dass die klugen Moorgeistger gerade dort mit ihrer Arbeit beginnen, wo es kaum Moor gibt und wo es viel Geld kostet, nämlich an der Hanglage, also dort, wo es gut 20 Meter aufwärts geht und direkt vor der Wohnungstür der Waldbeurener Dorfbewohner, damit es so richtig Ärger mit der Bevölkerung gibt und die Kosten für dieses provokative und unsinnige Abenteuer um ein Vielfaches höher liegen als unten in der Talaue der Ostrach.
Deshalb kann ich als Außenstehender gut verstehen, weshalb die hiesigen Dorfbewohner derart aufgebracht sind und sich gegen eine Vernässung in unmittelbarer Nähe ihrer Wohnhäuser wehren.
Auch mir sind diese Aktionen seitens der Ried-Stiftung unverständlich und scheinen mir doch sehr provokativ zu sein.
Ich frage mich auch, weshalb man nicht den einfachen Weg wählte, sondern einen sehr kostspieligen Weg, führt ein Experiment durch, aus einem Niedermoor ein Hochmoor zu konstruieren, wovor Fachleute warnen, beunruhigt und provoziert obendrein noch die Anwohner des Riedes, was selbstredend zu einer erheblichen Störung des Dorffriedens beiträgt.
Wo bleibt hier das menschliche Fingerspitzengefühl der verantwort-lichen Personen aus der Ried-Stiftung?
Meine Damen und Herren, diese Negativ-Liste lässt sich noch weiter ausbauen und mancher Fachmann kann hier noch zahlreiche weitere Beweise aufführen, wie unsinnig und überflüssig diese Vernässungs-aktionen sind.
Doch auf eine Absurdität möchte ich noch hinweisen:
Hier im Pfrunger-Burgweiler Ried werden große Flächen vernässt, mit dem Ziel, 200 Jahre menschliche Eingriffe ungeschehen zu machen und ein Hochmoor zu züchten.
Wenn Sie rund 20 Kilometer östlich gehen nach Ebenweiler, Eichstegen und Boms, dann finden Sie am Wegesrand oder entlang der Bundesstraße B 32 zahlreiche weiß-blaue Schilder auf denen mit schwarzer Aufschrift steht:
Flurneuordnung.
„Hier investiert Europa in die ländlichen Gebiete im Rahmen des Maßnahmen- und Entwicklungsplanes Ländlicher Raum Baden-Württemberg 2007 – 2013.
Als weitere Behörden wirken das Ministerium für Ernährung und ländlichen Raum Baden-Württemberg und das Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz mit.
Und was wird hier mit einem Millionenaufwand getan?
Es werden unter anderem Moore trocken gelegt, Feuchtgebiete mit Drainageschläuchen und -rohren entwässert, Bäche und Gräben in Betonschalen gezwängt, damit das Sicker- und Oberflächenwasser sehr schnell mit ca. 2 m/sec in den nächsten Bach oder Fluss abfließen kann. Die nächsten immensen Hochwasserschäden sind damit flussabwärts eindeutig vorprogrammiert.
Zahlreiche kleinere Weiher und Tümpel in der dortigen Landschaft sind völlig trocken gelegt worden und ehemaligen Riede sind jetzt in Ackerflächen für den Maisanbau umgewandelt worden.
Wer soll das noch verstehen?
Hier im Pfrunger-Burgweiler Ried werden Millionen ausgegeben, um eine Landschaft zu vernässen, ein paar Kilometer weiter werden ebenfalls Kosten in Millionenhöhe ausgegeben, um Riede trocken zu legen und daraus Ackerflächen für den Maisanbau zu machen.
Und eine Moorlandschaft in eine Ackerlandschaft für den Maisanbau umzuwandeln, das ist eine der fatalsten Methoden, unser Klima und unsere Natur zu ruinieren.
Aber das scheint der Wille der EU zu sein, und unsere Bundes- und Landesministerien unterstützen dabei noch einen solchen Unfug.
Unser Protest richtet sich ausschließlich gegen die Flurvernässungen in Nachbarschaft von unseren Wohnsiedlungen und gegen die Vernässung und Beeinträchtigung von seit Jahrzehnten genutzten land-wirtschaftlichen Flächen sowie gegen den sorglosen Umgang öffentlicher Gelder durch die Ried-Stiftung, welche im Jahre 2002 für das Naturschutz-Großprojekt gegründet wurde und vorerst auf 10 Jahre beschränkt ist.
Bereits jetzt, kurze Zeit nach den ersten Hubschrauber-Vernässungskampagnen, sind die ersten Fehlentwicklungen für jedermann zu erkennen und es wird eine nicht übersehbare und dauerhafte Kostenlawine an laufenden Betriebskosten in Gang gesetzt, wie sie verhängnisvoller nicht mehr sein kann.
Wir haben deshalb große Sorge, wer zukünftig die Landschaftspflege durchführen und bezahlen soll.
Der Staat als Landschaftspfleger? - Nicht bezahlbar!
Wir möchten damit zum Schluss unser Anliegen mit drei Worten zusammenfassen:
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von
Dr. Erich Koch,
Altshausen
Vor dem Hintergrund eines sich abzeichnenden Klimawandels lohnt es sich, darüber nachzudenken, inwieweit Drainagesysteme als Wasserspeicher genutzt werden können und zusätzliche Lebensräume für Tiere und Pflanzen geschaffen werden.
Der Drainagegraben ist eine Form der Entwässerung zur Trockenhaltung von meist landwirtschaftlich genutzten Böden und fand seit Anfang des 19ten Jahrhunderts bis heute in Europa breite Anwendung. So wurden noch vor rund 50 Jahren etwa 10 000 Hektar Fläche allein in Westdeutschland jährlich neu dräniert. Die Dränung wird vor allem in der Landwirtschaft eingesetzt, damit die Bearbeitungsflächen mit Stau- oder Haftwasser früher abtrocknen und die Vegetationszeit (früher trocken im Frühjahr, länger trocken im Herbst) verlängert werden kann, bedingt durch eine Verbesserung der Belüftung des Bodens und des Wärmehaushaltes. Das Ziel der Dränung ist, möglichst deutliche Mehrerträge zu erhalten.
Die Dränung wird auf (Teil-) Flächen durchgeführt, die ohne Drainage überhaupt nicht landwirtschaftlich nutzbar wären. Dies ist vor allem unter zunehmendem Maschineneinsatz wichtiger geworden, da eine Befahrung bei zu hoher Wassersättigung des Bodens zu erhöhter Bodenverformung führt. Extreme Fahrspuren sind die sichtbare Folge, weiterhin die Zerstörung der Porenkontinuität durch Scherung und die Homogenisierung durch „Kneten“. Für eine erfolgreiche Dränung wird eine gesicherte Vorflut (= Bach, Fluss) vorausgesetzt, das heißt, der Drainagegraben muss genügend Gefälle zum abführenden Gewässer besitzen. In der Praxis wird meist ein Gefälle von 1 bis 2 % angelegt. Dadurch wird die Wasserbewegung innerhalb des Grund- und Stauwassers in Richtung auf den nächsten Wasserlauf beschleunigt und die Fließzeit verkürzt. Für die volle Wirksamkeit eines Dränsystems mittels offener Gräben sind die Dräntiefe und der Dränabstand entscheidend.
Die Drainage nimmt also direkten Einfluss auf den Grundwasserspiegel, auf den Wasserhaushalt und dadurch auch auf den Stoffhaushalt. Dies sind die Gründe, weshalb die Wirkungen von Drainagen kontrovers diskutiert werden.
Wassermangel durch Klimawandel?
Studiert man die aktuell vorliegenden Klimamodelle für die Zukunft in Deutschland, so muss die bisherige Rolle des Drainagegrabens kritisch hinterfragt werden. Denn nach den allgemein anerkannten Klimamodellen ist mit verstärkten Extremwetterereignissen sowie wärmeren und trockeneren Sommern einerseits und milderen und feuchteren Wintern andererseits zu rechnen. Diese Phänomene sind derzeit überall in Deutschland und Mitteleuropa bereits zu beobachten. Unmittelbare Auswirkungen auf Landwirtschaft, Forstwirtschaft sowie Garten- und Weinbau sind die Folge. So werden die Bauern und Forstwirte, die Gärtner und Weinbauern mit einem zunehmenden Wasserdefizit während des Sommers konfrontiert. Dem gegenüber steht ein Wasserüberschuss im Herbst, Winter und Frühjahr.
Für die landwirtschaftliche Produktion bedeutet dies:
Eine intensive landwirtschaftliche Nutzung kann nur erfolgen, wenn alle vier Faktoren überreich vorhanden sind. Bei Mangel einer der vier Faktoren bricht bereits nach wenigen Jahren eine Überschussproduktion zusammen. Wollen wir auch zukünftig ernten um uns ernähren zu können, so muss alles getan werden, fruchtbaren Boden zu erhalten und zu mehren sowie Wasser zu speichern.
Machen wir uns bewusst, dass lediglich 0,3 % des Wasservorrats der Erde uns zur Verfügung stehen. Damit stellt sich die Frage, wie einem zunehmenden Trockenstress in der Vegetationsperiode einerseits und den zunehmenden Niederschlägen im Winter andererseits in der landwirtschaftlichen Praxis begegnet werden kann?
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Die Entscheidung liegt bei uns, ob wir das Wasser in kanalisierten Rinnen möglichst schnell aus unserem Land herausbringen oder den Wasser-Rückhalt in der Fläche fördern. |
Das Wasser vor Ort zurückhalten
Der grundlegende sowie naheliegende Gedanke ist, das Niederschlagswasser nicht schnellstmöglich in kanalisierten Rinnsalen und Drainagegräben in einen Vorfluter abzuleiten, sondern das Wasser, eines unserer wichtigsten Lebensgüter, von Anfang an und unmittelbar im Einzugsgebiet eines Gewässers zurückzuhalten.
Drainage- und Wassergräben, welche bislang üblicherweise mit einem Gefälle zum Vorfluter (= Bach, Fluss) hin verlaufen, erhalten ein „negatives“ Gefälle. Sie werden „gekippt“ und zur Senke ausgebildet, um die Wasserspeicherkapazität gegenüber einem konventionellen Drainagegraben signifikant zu erhöhen. Die Sohle eines solchen Grabens, hier Speichergraben genannt, liegt damit grundsätzlich tiefer als die Sohle des Vorfluters. Die Absenkung soll bei mindestens 0,2 % Gefälle gegenüber der Bachsohle liegen, bei geeigneten hydrotopographischen oder geomorphologischen Verhältnissen größer. Damit ist gewährleistet, dass der Speichergraben ganzjährig mit Wasser gefüllt ist.
Ziel sollte es sein, bisherige Drainagegräben und Rinnsale zu reaktivieren und sie als Speichergräben auszubilden, um möglichst ein Maximum an Rückhaltevolumen, sogenannte Retentionsräumen, zu erreichen. Ebenso können Mulden, Senken, Tümpel, Rigolen, Teiche, Weiher, welche mit dem Vorfluter vernetzt sein müssen, für eine natürliche Speicherung des Niederschlagswassers benutzt werden. Man prüfe, ob alle Maßnahmen zur Verzögerung des Wasserabflusses erfolgt sind. Denn zugespülte Weiher, verschlammte Gräben und Teiche oder vermurte Bäche sind nicht mehr für einen Wasserrückhalt wirksam.
Durch die vorstehend beschriebenen Maßnahmen wird ein breitflächiges Retentionsnetz aufgebaut, um einen Großteil der Niederschläge zu speichern. Die hydrologische Vernetzung der Speicherräume mit dem Vorfluter ist eine Grundvoraussetzung. Die teilweise Entleerung dieser Rückhalteräume erfolgt, wenn wieder ausreichend Kapazität im Vorfluter gegeben ist. Dann wirken die Speichergräben als Wasserspender.
Synergien für Natur, Landwirtschaft und Mensch
Die gezielte Speicherung von Niederschlägen und Hochwasser dient dem Landbau zur Bewässerung, der Wasserwirtschaft zur Grundwasseranreicherung (Infiltration) und wirkt als präventiver Hochwasserschutz, indem die Flutwelle im Vorfluter gekappt und in die Breite abgeleitet wird. Dadurch wird der Wasserabfluss räumlich und zeitlich entzerrt.
Die Wiederherstellung natürlicher Wasserverhältnisse in verschiedenen grundwasserbeeinflussten Ökosystemen wird gefördert und ein Beitrag zur Verringerung der Auswaschungsverluste von Nährstoffen in die Fließgewässer geleistet. Das erhöhte Wasserspeichervermögen durch das Retentionsnetz und die dadurch reduzierte Wasserpermeabilität in Böden wirkt erniedrigend auf die Sickerwassermenge und somit verringernd auf die Auswaschung von Nährstoffen in die Fließgewässer.
Ziele des Natur- und Landschaftsschutzes werden unterstützt und als solche besonders im Sinne der EU-Wasserrahmenrichtlinie nachhaltig verfolgt.
Der Aufbau eines kleinmaschigen Retentionsnetzes trägt zur Stabilisierung des Naturhaushaltes einer Landschaft bei. Die Vielfalt an Pflanzen und Tieren wird durch den Aufbau eines solchen Retentionsnetzes erheblich zunehmen. Denn stehende Kleingewässer, wie krautreiche Gräben, Tümpel und Weiher, sind Grundlage für weit über 1000 Tierarten, besonders Fische, Vögel, Amphibien (z.B. Frösche, Kröten, Molche), darunter viele Kleintiere, und für über 200 Pflanzenarten.
Auch wird eine soziale Verantwortung hinsichtlich Hochwasserschäden gegenüber den Anwohnern flussabwärts wahrgenommen. Denn Schadenshochwasser zu vermeiden gebietet die Menschlichkeit.
So kann die technische Umsetzung aussehen
Auf zahlreichen landwirtschaftlichen Flächen sind bereits Drainagegräben vorhanden, vielfach auch in Waldstandorten, jedoch mit einem Gefälle zum Vorfluter hin ausgebildet und nicht als Senke ausgelegt. Diese bereits vorhandenen Drainagegräben, welche meist entlang den Parzellengrenzen verlaufen, beanspruchen in der Regel ca. 1 bis 2 % der land- und forstwirtschaftlich genutzten Flächen und können mit einfachen technischen Mitteln, so mit einem Minibagger, zu Senken (= Speichergräben) ausgebaut werden. Die Kosten für das Anlegen eines Speichergrabens liegen bei durchschnittlich ca. 4 Euro pro lfd. Meter. Alle 8 bis 10 Jahre muss eine Entschlammung der Speichergräben sowie der anderen Rückhalteräume durchgeführt werden. Als Grabenprofil hat sich die Trapezform bewährt. Die Grabenbreite an der Grabenkrone soll mindestens 2 Meter, an der Grabensohle 1 Meter betragen. Am Ende kann durch Aufweitung und Vertiefung des Speichergrabens ein Tümpel für die Wasserentnahme zur Bewässerung der Felder entstehen. Bewährt haben sich Wasserflächen von 20 bis 100 Quadratmetern und einer Tiefe von 1 bis 2 Metern. Sehr schnell wird ein solcher Tümpel von Wasserfauna und Wasserflora besiedelt und ohne Zutun des Menschen bildet sich bald ein „Froschweiher“. Wasservögel besuchen ein solches Biotop stundenweise und selbst Bachforellen gehen dort auf Froschfang. Es bildet sich eine sogenannte „Natur aus zweiter Hand“.
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Ein Beispiel für einen naturnah geschaffenen Retentionsraum durch Ausbau eines ehemaligen Drainagegrabens zu einem Speichergraben und Aufweitung am Grabenende zu einem Tümpel. Hier können, je nach Grabenlänge, mehrere 100 m³ Wasser gespeichert werden und darüber hinaus entsteht ein neuer Lebensraum für eine Wasserfauna und Wasserflora. |
Speichergraben mit bivalenter Funktion: Wasserspeicher und Wasserspender
Bei Wasserüberschuss im Herbst, Winter und Frühjahr oder bei extremen Niederschlägen (Hochwasser) wirkt der zur Senke ausgebaute Speichergraben als Wasserspeicher. Zum Beispiel können bei Hochwasser von 1 m über Normalnull in solchen Speichergräben, je nach Länge, mehrere 100 Kubikmeter an Wasser gespeichert werden. Und ein Teil dieser Wassermengen stehen den Feldern und der Vegetation ganzjährig zur Verfügung. Auch der Wasserüberschuss aus den Wintermonaten kann während der Vegetationsperiode in den Sommermonaten für eine Bewässerung sinnvoll genutzt werden. Die konstante, ganzjährige Wasserversorgung durch die Speichergräben bedingt eine weitgehend geregelte Evapotranspiration aufgrund des kapillaren Wasseraufstiegs im Boden. Bei den bisherigen konventionellen Drainagegräben bricht dieses wichtige Wasserversorgungssystem durch den kapillaren Aufstieg insbesondere in den Sommermonaten aufgrund von Wassermangel zusammen, was zu einer Austrocknung des Oberbodens führt, wie beispielsweise bei der Krume von Ackerböden oder dem durchwurzelten Horizont bei Grünlandböden.
Damit übernimmt der Speichergraben in den Sommermonaten überwiegend die Funktion eines Wasserspenders, indem Wiesen und Äcker durch den kapillaren Aufstieg bewässert werden. Durch die potenzielle Wasserzufuhr wird das Wachstum der Pflanzen in trockenen Sommerzeiten gefördert. Dies ist besonders dann sinnvoll, wenn Niederschlagsarmut in der Zeit nach der Heuernte auftritt und der Boden bei starker Sonneneinstrahlung und geringem Schutz durch die Pflanzendecke besonders schnell austrocknet. Landwirte und Agrar-Experten kennen die Bilder aus den Grünlandgebieten, wo in solchen Fällen über Wochen hinweg fast keine Phytomasse-Entwicklung stattfindet.
Weiterhin führt der hier seit rund 40 Jahren aus der Praxis heraus entwickelte Speichergraben zu einer Verbesserung der Dränung und damit besseren Durchlüftung des Bodens, weil die Absenkungstiefe des Speichergrabens über die gesamte Länge konstant bleibt im Gegensatz zum konventionellen Drainagegraben, bei welchem die Absenkungstiefe aufgrund des Gefälles der Grabensohle kontinuierlich abnimmt und am Grabenende gegen Null geht. Dabei ist die Luft im Boden ein wesentlicher Wachstumsfaktor und ebenso wichtig wie das Wasser. Die Atmung der Pflanzenwurzeln, das bedeutet Aufnahme von Luftsauerstoff, ist eine elementare Vorbedingung für die Aufnahme von Wasser und Nährstoffen durch die Pflanze.
Die erhöhte Durchlüftung des Bodens führt auch zu einer Verbesserung des Wärmehaushaltes. Entwässerte Böden sind wärmer, einerseits wegen des geringeren Wärmeentzugs durch Verdunstung , wie andererseits durch eine verringerte Wärmespeicherkapazität. Damit in Zusammenhang steht eine erhöhte Aktivität von Bodenorganismen und insgesamt eine Gefügeverbesserung des Bodens.
Deshalb darf die Frage erlaubt sein, ob die seit rund 200 Jahren auf den land- und forstwirtschaftlichen Kulturflächen millionenfach angelegten Drainagegräben richtig konzipiert sind, wenn sie während den Sommermonaten, also genau zur Hauptvegetationszeit, meistens kein Wasser führen und in den niederschlagsreichen Monaten die Dränung und Durchlüftung des Bodens nicht optimal sind.
Was unterscheidet den Drainagegraben vom Grabenspeicher?
Die wichtigsten Unterschiede zwischen Drainagegraben und Grabenspeicher liegen im Wasserhaushalt und dem Wasserspeichervermögen begründet, weiterhin in der ökologischen Bedeutung.
Während der Grabenspeicher sich durch eine permanente Wasserspeicherung auszeichnet (perennierendes Gewässer), liegen beim Drainagegraben stärkere Wasserstandsschwankungen und gelegentliches, im allgemeinen periodisches, längeres Trockenfallen vor (temporäres Gewässer). Das Wasserspeichervermögen im Grabenspeicher kann je nach Bauart um bis zu Faktor 20 höher sein als im konventionellen Drainagegraben.
Der Grabenspeicher führt als perennierendes (ausdauerndes) Gewässer ganzjährig Wasser und ist somit in der Lage, eine dauerhaft eigenständige aquatische Lebensgemeinschaft zu beherbergen. Aquatische Pflanzen mit einer längeren, teilweise mehrjährigen Entwicklung im Wasser kommen nur hier vor und fehlen weitestgehend in den periodisch austrocknenden Drainagegräben. Analoges gilt weitgehend auch für die Aquafauna. Dies sind Gründe für die hohe ökologische Bedeutung der Grabenspeicher.
Wasser – das Lebenselement der Erde
Es bedarf keiner langen Worte, um die Bedeutung des Wassers im menschlichen Leben, ja im Leben überhaupt, klarzumachen. So ist Wasser die Grundlage allen Lebens auf der Erde. Pflanzen, Tiere und Menschen könnten ohne Wasser nicht existieren, wären ohne Wasser nie entstanden.
Was der Mensch durch den Wasserbau gefährdet hat und durch den Klimawandel verstärkt wird, mündet in einen Wassermangel in Europa. Sauberes Wasser droht zu einem knappen Gut zu werden. Deshalb muss ein neues „hydrologisches Grundgesetz“ postuliert werden:
Das Wasser zurückzuhalten, muss oberste Priorität haben.
Das Lebenselement Wasser steht dabei stellvertretend für alle natürlichen Rohstoffe. Wir müssen lernen, mit unseren Lebensgrundlagen vernünftig und haushälterisch umzugehen.
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Fast jeder Ort in Deutschland und selbst in Mitteleuropa ist von Hochwasser bedroht. Für Gebäude und Anlagen in der Nähe von Gewässern besteht diese Bedrohung regelmäßig, aber auch Bereiche weitab von Wasserläufen und Seen sind vor Überschwemmungen durch Sturzfluten nicht sicher.
So stand vor gut 80 Jahren auch der Saulgauer Marktplatz kniehoch unter Wasser. In den letzten Jahrzehnten häuften sich die Hochwasser in Bad Saulgau. Nahezu regelmäßig wurden das Berufsschul-Zentrum, die Hummel-Schule, der Kindergarten und verschiedene Privathäuser durch das Hochwasser des vorbei fließenden Stadtbaches („Sießener Bächle“) überschwemmt.
Und dann kommen gebetsmühlenartig dieselben Forderungen: “Gebt dem Bächle mehr Raum!“. Die weiteren, üblichen Rufworte sind „Renaturierung“ und „Mäanderung“. Dabei soll immer der Staat, das Land, die Stadt machen, helfen und bezahlen. Doch wer ist der Staat, das Land, die Stadt? Das sind wir doch alle!
Das war das Motiv einiger Weniger, selber Initiative zu ergreifen und nach Lösungen zu suchen, damit nicht regelmäßig die kommunalen und privaten Gebäude entlang des Stadtbaches überschwemmt werden. Denn die angerichteten Schäden sind immens, insbesondere wenn die Energieräume im Keller des Schulzentrums voll laufen. Falls die bisherige Folge des Zehnjahres-Rhythmus an Hochwasserschäden in Bad Saulgau anhält, dann tritt spätestens bis zum Jahre 2016 wieder ein Hochwasser auf, was sicherlich keiner wünscht. Im Sommer 1996 gab es Hochwasser-Schäden durch die große Sturzflut, dann zu Winterende 2006 durch die Schneeschmelze und hoffentlich im Jahre 2016 nur noch ein „normales“ Hochwasser ohne jegliche Schäden.
Für die Initiatoren war klar: Jeder Euro, der in eine Hochwasserschutzmaßnahme gesteckt wird, kann Schäden in vielfacher Höhe verhindern. Nur: Welche Vorsorge ist richtig und welche ist überhaupt machbar?
Seit mehr als 30 Jahren wird in der Stadtverwaltung von Bad Saulgau diskutiert, geplant, verworfen und nach einer Hochwasser-Katastrophe von neuem geplant. Die letzten Planungen ergaben ein Rückhaltebecken für ein Volumen von ca. 100 000 Kubikmeter Niederschlagswasser und einer Deichhöhe von ca. 4 Metern. Doch so einen hohen Damm direkt vor den Fenstern wollte von den meisten Saulgauern keiner. Und so wurde seit kurzem nach Alternativen gesucht.
Stephan Burth aus Bad Saulgau, Student für Bauingenieurwesen an der Hochschule in Biberach, hat sich auf Anregung seines Professors Dr.-Ing. Anton Nuding spontan bereit erklärt, nach Alternativen für einen Hochwasserschutz zu suchen.
Drei Dinge waren wichtig:
Selbst für einen professionellen Wasserbauingenieur ist es keineswegs einfach, die Wassermassen von ca. 100 000 Kubikmeter, welche bei einem Hochwasser im Sießener Tal im Extremfall entstehen können, zu speichern.
Student Burth schnürte seine Stiefel und untersuchte das gesamte Einzugsgebiet des Sießener und Zeller Baches mit besonderem Augenmerk auf Mulden, Gräben, Senken und Tümpel, um diese mit der Vorflut, also dem Bach, zu vernetzen. Dadurch werden natürliche Stauräume, sog. Retentionsräume, für das Hochwasser geschaffen. Dabei hat der Student alle möglichen Maßnahmen „abgeklopft“ und kam auf ein beachtliches natürliches Retentionsvolumen von ca. 20 000 Kubikmeter, welche dezentral im Einzugsgebiet von 7,8 Quadratkilometern bei Hochwasser zurückgehalten werden können. Dies ist wohl keine Komplett-Lösung für das Hochwasser-Problem in Bad Saulgau, aber mit dieser einfachen, ökologisch sinnvollen Methode und mit geringen finanziellen Mitteln könnten die regelmäßig auftretenden Hochwasserschäden weitgehend in Griff gebracht werden. Klar muss auch sein, dass es einen absoluten Hochwasserschutz nicht gibt.
Stephan Burth wurde bei seiner ehrenwerten Tätigkeit für die Saulgauer Bevölkerung nicht alleine gelassen. Die gesamte Verwaltungsspitze der Stadt unterstützte die Untersuchungen des angehenden Bauingenieurs, allen voran Frau Bürgermeisterin Doris Schröter, Stadtbaumeister Peter Kliebhan, der Leiter des Tiefbauamtes, Herr U. Michelberger und der Umweltbeauftragte, Herr Thomas Lehenherr.
Der ödp-Kreisverband Sigmaringen unterstützt natürlich dieses sinnvolle Projekt, bei welchem es nicht nur um einen präventiven Hochwasserschutz geht, sondern zugleich auch neue Biotope im Einzugsgebiet des Sießener und Zeller Baches entstehen würden. Auch wünschen wir uns, dass dieses Projekt bald umgesetzt wird und die profunde Projekt-Studie der Hochschule Biberach nicht in einer Schreibtisch-Schublade abgelegt wird.
Verfasser: Dr. Erich Koch, Altshausen
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Von Dr. Erich Koch, Altshausen
Ein relativ neues ökologisches Schlagwort macht auch in der Politik Furore: Biotopverbund. Der Verbund von Biotopen ist bislang zu wenig beachtet worden. Ein fataler Fehler des Naturschutzes war und ist, dass er sich nahezu ausschließlich auf die Ausweisung von Naturschutzgebieten beschränkt hat unter Vernachlässigung der Restflächen. Und das sind mehr als 96 % des Areals der Bundesrepublik Deutschland. Der entscheidende Schlüssel, dem Naturschutz endlich flächendeckend zu wirklichen Erfolgen zu verhelfen, wird im Biotopverbund gesehen. Dazu ist ein gründliches und schnelles Umdenken vor allem in der Politik notwendig, um einen Durchbruch zu bewirken.
Ein kurzer Blick um 400 Jahre zurück
Dass sich weite Landschaften in Mitteleuropa in den vergangenen Jahrzehnten zu ihrem Nachteil verändert haben, ist Realität. Gehen wir auf der Zeitachse um einige Jahrhunderte zurück, so entstand in der Agrarlandschaft ein langsam wachsendes, kleinräumiges und abwechslungsreiches Mosaik von Dörfern, Weilern und Einzelgehöften, Wegen und Triften, von Gärten und Obstwiesen, Hecken, Gehölzen und Einzelbäumen, Heiden- und Trockenrasen, Hoch- und Niederwäldern. Seen und Weiher, aber auch Kleingewässer, Teiche und Mühlenweiher bildeten Oasen in einer Kultur- und Naturlandschaft. 500 bis 700 Pflanzenarten fanden hier Lebensraum, doppelt so viele wie in der ursprünglichen Naturlandschaft. Und die Vielfalt der Tierarten steigerte sich noch deutlich stärker. Rund 400 Jahre lang war dieses Bild einer bäuerlichen Kulturlandschaft mit ihren reichhaltigen „Naturzellen“ der Normalzustand - vom 16ten bis zur Mitte des 20sten Jahrhunderts.
Doch dann kam der revolutionäre Umbruch in der Landwirtschaft. Fast auf das Jahr genau. Seit 1950 vollzog sich ein Umbruch in der Landwirtschaft unter massivem Einsatz aller technischen und chemischen Möglichkeiten. Einem starken wirtschaftlichen Druck ausgesetzt, expandierten die mittleren und großen Betriebe auf Kosten der kleinbäuerlichen Landwirtschaft immer stärker. Mit stetig wachsender Betriebsgröße und enorm steigendem Maschinen-, Dünger- und Pestizideinsatz reduzierten sich die Zahlen der verbleibenden Betriebe und der in der Landwirtschaft Erwerbstätigen innerhalb eines Jahrzehnts um rund 60 Prozent!
Zu allem Übel kam eine erschreckende Agrarpolitik-Lawine der damaligen Europäischen Gemeinschaft (EG) hinzu, welche die Bauern regelrecht überrollte und sie in eine „moderne“ Massenproduktion drängte, völlig naturwidrig, weil einseitig und mit fatalen Folgen. Mitmachen oder untergehen, viel und kostengünstig zu produzieren, das blieb den meisten Bauern nur noch als Überlebenschance. Der Bauernstand in seiner existenziellen Beziehung zum Boden wurde entwurzelt, der Boden, die Landschaft weitgehend zerstört. Massenhafte Monokulturen ohne Kultur entstanden. Massentierhaltungen mit massiven Umweltbelastungen wurden gegründet. Massenhafte Getreide- und Butterberge türmten sich auf. Massenhafter Einsatz von Düngemitteln und Pflanzen“behandlungs“mitteln wurden zur Norm. Massenhafter Verlust von fruchtbarem Humus stellte sich ein, vom Winde verweht.
Dann vom Wasser sauber gewaschener Boden .... Wer trägt die Schuld an dem bis zum heutigen Tage nicht gelösten Nitrat-Problem? Weiter: das Rückstandsproblem von Pflanzenschutzmitteln im Trinkwasser und in Lebensmitteln?
Es ist wie ein Hohn der Natur, wenn mancherorts die Bauern das Wasser aus ihren eigenen Brunnen nicht mehr trinken können.
Ziehen wir Bilanz: Gerade mal 20 bis 30 Jahre (1950 – 1980) haben ausgereicht, um aus einer über Jahrhunderte währenden, intakten bäuerlichen Kulturlandschaft, mit ihrer Kleinräumigkeit und ihrem anheimelnden Charme, eine ausgeräumte, erodierte und schwer mit Chemie belastete Agrarlandschaft zu schaffen. Der Kampf um den Erhalt einer bäuerlichen Kulturlandschaft ging verloren. Das alles nivellierende Agro-Industriesystem hat gesiegt, weil politisch gewollt, finanziell subventioniert und mental gefördert. Atemberaubende Zunahmen der Hektarerträge in der Agrarwirtschaft sowie der Viehhaltung sind die Erfolge, jedoch beide mit enormen Umweltbelastungen erkauft. Manche agrare Landschaften sind inzwischen zu einem größeren ökologischen Problemgebiet geworden als es der benachbarte städtisch-industrielle Bereich ist.
Aus dieser Entwicklung resultiert die jetzt akute Notwendigkeit, einen umfassenden Naturschutz zu betreiben, der die weitestmögliche Erhaltung von Arten, Lebensgemeinschaften und Biotopen gewährleistet.
Kein gutes Zeugnis für den Naturschutz
Die bisherigen Bilanzen stellen dem Naturschutz leider ein schlechtes Zeugnis aus: Die „Roten Listen“ der gefährdeten Tier- und Pflanzenarten wachsen, Tag für Tag verschwinden weitere natürliche und naturnahe Lebensräume von der Erdoberfläche. Und dies trotz steigender Bemühungen des Naturschutzes durch vielfältige Arten- und Biotopschutzprogramme sowie durch die im Bundesnaturschutzgesetz vorgeschriebene Beteiligung der Verbände an Planungen von umweltrelevanter Bedeutung. Selbst auch die so häufig propagierte „ökologische Planung“, gemeint ist damit die Landschafts- und Naturschutzplanung, welche theoretisch geeignete Gegenmaßnahmen entwickeln und forcieren müssten, lassen teilweise die nötige Sachkunde und Konsequenz vermissen (Jedicke 1994).
Ein fataler Fehler war und ist, dass sich der Naturschutz nahezu ausschließlich auf die Ausweisung von Naturschutzgebieten beschränkt hat unter Vernachlässigung der Restflächen. Das sind immerhin mehr als 96 % des Areals der Bundesrepublik Deutschland. Und genau da muss der Hebel angesetzt werden, weil hier eine massive, flächenhafte Lebensraumzerstörung stattfand mit der Konsequenz eines stetigen Artenrückganges und einer Unterwerfung der Natur durch den Menschen. Ziehen wir eine Folgerung aus dieser Feststellung, dass Lebensraumzerstörung im weiteren Sinne eine entscheidende Bedeutung für den Artenrückgang hat, so kann diese nur lauten:
Ein wirksamer Artenschutz kann nur über den Schutz des Lebensraumes erfolgen. Artenschutz muss umfassender Biotopschutz sein.
Ein weiterer Fehler des Naturschutzes war es, beim Biotopschutz in eng begrenzten räumlichen Kategorien zu denken. Um die Natur in einem „romantischen“ Wunschzustand festzuhalten, wurde mit teils hohem Pflegeaufwand und entsprechenden Kosten permanent gegen die natürliche Sukzession gearbeitet. Stattdessen muss der Naturschutz, vorzugsweise auf großen Flächen mit Totalschutz, die natürliche Entwicklung zulassen. Biotoppflege, wo sie als nötig erachtet wird, sollte in erster Linie eine ökologisch, aber auch gleichzeitig eine ökonomisch gewinnbringende Landnutzung sein (Jedicke 1994). Denn vom Staat gekaufte „Pflegefälle“ sind auf Dauer nicht finanzierbar!
Globale Umweltveränderungen zwingen uns heute, unser Naturschutz-Verständnis zu überdenken. Das heißt, der Naturschutz muss auf zwei zentralen Standbeinen fußen: Zum einen dem Arten- und Biotopschutz, zum anderen dem Schutz der drei Umweltmedien Boden, Wasser und Luft. Deren Nutzung durch den Menschen muss nachhaltig betrieben werden, damit die langfristige Erhaltung und Nutzbarkeit dieser Ressourcen gewahrt bleiben (siehe Jedicke).
Landwirtschaft und Naturschutz unter einen Hut bringen
Die landläufige Vorstellung, dass Artenschutz durch Sicherstellung von Flächen und Schutz vor jeder menschlichen Nutzung oder Beeinflussung am besten zu verwirklichen sei, übersieht die Tatsache, dass der überwiegende Teil unserer Ökosysteme letztlich anthropogenen Ursprungs ist. Der Mensch, und allen voran der Bauer, spielt hier die Rolle eines Ökosystemgliedes. Würde man ihn herausnehmen, bräche das bisherige Gefüge zusammen und es würde in den meisten Fällen bei Landökosystemen die durch das mitteleuropäische Klima vorgegebene Sukzession zu einem Waldökosystem einsetzen. Dieses aber hätte einen völlig anderen Artenbestand als die früheren anthropogenen Ökosysteme im Bereich der künstlich durch die Landwirtschaft offengehaltenen Landschaft. Artenschutz muss also in vielen Fällen durch Aufrechterhaltung bestimmter Wirtschaftsformen, das heißt unter Beibehaltung bestimmter menschlicher Eingriffe, betrieben werden.
Für eine Realisierung bedeutet das: Die Kreisläufe der Landnutzung müssen wie in der eingangs beschriebenen, historischen Kulturlandschaft geschlossen werden. Die Landwirte müssen vor allem aus wirtschaftlichen Erwägungen ein Interesse daran besitzen, Streuwiesen zu mähen, Magerrasen mit Schafen zu beweiden, Obstbau in Form des Streuobstbaus anzulegen und zu nutzen, Hecken zu dulden und zu pflegen, den Riegel und Rain nicht als Hindernis zu sehen. Genauso sind die Verbraucher gefordert, Schaf- und Rindfleisch von heimischen Weiden und Apfelsaft von lokalen Obstwiesen zu konsumieren (Jedicke 1994).
Die damit verbundenen Prozesse in der bäuerlichen Kulturlandschaft erzeugen damit quasi automatisch die aus Naturschutzsicht wertvollen Kulturbiotope – ohne den Naturschutzetat und damit den Geldbeutel des Steuerzahlers zu belasten. Das heißt, dass eine extensive und vielfältige Flächennutzung in Land- und Forstwirtschaft grundsätzlich wünschenswert ist. Die Vielfalt in unserer Kulturlandschaft kann nur dann erhalten und wieder hergestellt werden, wenn die heute zu Agrarproduzenten degradierten Landwirte wieder zu Bauern werden können. Und dafür gibt es nur einen realistischen Weg, nämlich die Landnutzung und den Naturschutz unter einen Hut zu bringen.
Zerschneidung, Biotopverlust und Strukturverarmung
Die Zerstörung ihrer Lebensräume gilt für die meisten gefährdeten und ausgestorbenen bzw. verschollenen Tier- und Pflanzenarten als die Hauptursache ihrer Bestandsrückgänge. An der Spitze stehen Nutzungsänderungen, Nutzungsaufgabe und die Beseitigung von Sonderstandorten.
Die Liste der Verursacher führt die Landwirtschaft an. Mit der Zerstörung von Sonderstandorten bzw. –biotopen sowie einer landesweiten Entwässerung der Fluren verschwanden weithin die Unterschiede in den Lebensbedingungen der Natur. Besonders groß wurden die Verluste bei den Feuchtgebieten. Die Nutzungsintensivierung unter massivem Dünger- und Herbizideinsatz führt vor allem in der Agrarlandschaft zu einer weiteren Nivellierung der Standort- und Lebensbedingungen.
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Quadratkilometer große und bis auf den letzten Rest ausgeräumte Ackerflächen mit ihren Monokulturen verändern das Landschaftsbild in einer radikalen Weise. Nur noch ganz wenige Pflanzen- und Tierarten können hier überleben. Es klingt wie ein Hohn, hier noch von Arten-, Biotop- und Ressourcenschutz zu sprechen. |
Parallel zu den modernen Methoden der Landwirtschaft kommt noch der zunehmende Nutzungsdruck auf die Landschaft durch den Straßen- und Siedlungsbau, welcher ebenso zu einem Verlust wertvoller Biotope führt. Diese verlieren nicht nur insgesamt an Fläche, sondern werden in isolierte Einzelteile zerlegt, die aufgrund ihrer geringen Größe verstärkt „Randeffekten“, das heißt störenden Einflüssen aus der Umgebung ausgesetzt sind. Die verbleibenden Biotopinseln sind für viele Arten zu klein und ihre Isolation erschwert den Austausch von Individuen zwischen den Gebieten. Dies führt zu einer genetischen Verarmung der Populationen und gefährdet ihr dauerhaftes Überleben.
Darüber hinaus gehen durch die Zerlegung der Biotope in isolierte Einzelteile und eine durch Nutzungsintensivierung zunehmend lebensfeindliche Umgebung auch die gesamtlandschaftlichen ökologischen Zusammenhänge verloren (siehe als Beispiel das Bild der ausgeräumten Agrarlandschaft).
Zur Arterhaltung sind Pflanzen- und Tierpopulationen darauf angewiesen, dass sie in einem Austausch mit benachbarten Vorkommen stehen, das heißt, dass einzelne Individuen, oder bei Pflanzen einzelne Samen, von einer Inselfläche zur anderen gelangen können. Um dies zu ermöglichen, müssen deshalb auch außerhalb von Schutzgebieten in der überwiegend land- und forstwirtschaftlich genutzten Landschaft geeignete Lebensbedingungen geschaffen werden. Denn nur durch die Bereitstellung eines qualitativ und quantitativ ausreichenden Lebensraumes können Artvorkommen mittel- bis längerfristig erhalten werden. Artenerhalt ist somit nur möglich durch großflächigen Biotopschutz und durch umfassenden Schutz der Umweltmedien Boden, Wasser und Luft auf der Gesamtfläche. Das Konzept zum Biotopverbund als flächendeckenden Naturschutz war hiermit gegründet (siehe Jedicke).
Biotopverbund-Modell vergleichbar mit menschlichem Blutgefäßsystem
Die Naturschutzstrategie des Biotopverbunds nach Jedicke will der Verinselung durch Kombination von vier Maßnahmen entgegenwirken, indem die Isolation der Arten gemindert und dadurch der Individuenaustausch zwischen den naturnahen Inselflächen erleichtert wird:
Vorrangig sollen auf diese Weise gleichartige Lebensräume verbunden werden. Feuchtgebiete und Auenwälder beispielsweise müssen über Gehölz- und Röhrichtgürtel entlang von Fließgewässern miteinander vernetzt werden, Magerrasen durch ausreichend breite Weg- und Heckenraine, Hecken mit Feldgehölzen und Waldrändern (vgl. Jedicke et al. 1996). Das Instrument einer ökologisch orientierten Flurbereinigung kann hier als Segen wirken, indem sie die planerische Umsetzung all solcher Maßnahmen wesentlich erleichtern kann. Die Funktionsweise des Verbundmodells verglich die Landesanstalt für Ökologie Nordrhein-Westfalen mit dem menschlichen Blutgefäßsystem: Funktionieren wird es nur, wenn der Körper – und entsprechend die gesamte Landschaft – intakt ist und nicht überstrapaziert wird.
Gewässerrandstreifen als Beispiel für ein Korridorbiotop
Korridorbiotope mit linearer Erstreckung (= Linienbiotope) tragen besonders in einer stark ausgeräumten Landschaft mit geringem oder fehlendem Wald- und Grünlandanteil zur Mannigfaltigkeit und Vernetzung der inselartigen Biotope bei. Zu den Linienbiotopen zählen Ackerrandstreifen, Raine, Lesesteinwälle, Böschungen, Wege und Straßenränder, Hecken, Alleen und vor allem Fließgewässer.
Die Fließgewässer haben in unserer Landschaft eine Vielzahl von Funktionen zu erfüllen. Zu nennen sind insbesondere die Aufgaben aus Sicht der Wasserwirtschaft, dann die ökologischen Funktionen und die Biotopvernetzung. Bei einer Bewertung der Gewässer aus ökomorphologischer Sicht wird deutlich, dass eine Vielzahl der Gewässer im ländlichen Raum die Funktionen einer Biotopvernetzung nur ungenügend erfüllen. Ursache hierfür sind die im Zuge der Flurneugestaltung ab Anfang der 1960er Jahre durchgeführten Maßnahmen der Flur- und Hydromelioration, die eine Intensivierung der Landwirtschaft zum Ziel hatten. Um mehr Fläche zu gewinnen und eine rationelle maschinelle Bewirtschaftung zu ermöglichen, sind zahlreiche Uferrandstreifen, Auen und weitere Feuchtbiotope geopfert worden.
Deshalb kommt den Gewässerrandstreifen, vielfach auch Uferrandstreifen genannt, innerhalb einer intensiv genutzten Landschaft eine zentrale Bedeutung für die Aufrechterhaltung der Gewässerfunktionen zu. Die Wiedereinrichtung bzw. die Entwicklung und Pflege bestehender Gewässerrandstreifen muss zu den Hauptschwerpunkten eines aktiven Gewässerschutzes gehören. Denn Gewässerrandstreifen sind generell eine sinnvolle und wirksame Maßnahme zum Schutz der Oberflächengewässer. Sie übernehmen eine Pufferfunktion und verhindern bzw. verringern so den Eintrag von unerwünschten Stoffen in das Gewässer. Uferrandstreifen schützen vor Gewässerschäden wie durch Viehtritt und Erosion, sie erhöhen die Selbstreinigungskraft des Gewässers und bereichern die Landschaft.
Jeder Meter eines nicht bewirtschafteten Uferrandstreifens stellt einen ökologischen Gewinn für das Gewässer und die umgebende Landschaft dar. Ungenutzte Randstreifen übernehmen eine echte Lebensraumfunktion für viele Tier- und Pflanzenarten. Sie erfüllen damit auch für die am Boden lebenden Tiere wie zum Beispiel Spinnen, Heuschrecken, Mäuse, Kröten, Frösche, Molche, Mauswiesel, Hermelin, Iltis und Dachs eine bedeutende Biotopvernetzungsfunktion.
Darüber hinaus leisten standorttypische Gehölze (Bäume und Sträucher) einen wichtigen Beitrag zur Erhöhung der Biotopvielfalt an Fließgewässern. Sie beeinflussen unter anderem das Mikroklima und sind selbst Lebensraum für unzählige Insekten, Spinnen und Vögel. Außerdem bilden die ins Wasser hineinwachsenden Wurzeln von Bäumen und Uferpflanzen an den Gewässerrändern interessante Lebensräume für Fische und Kleintiere der Bachsohle.
Das Fazit ist: Fließgewässer mit ihren Uferrandstreifen sind herausragende Elemente des Biotopverbundes und für dessen Entwicklung in besonderem Maße bedeutsam.
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Bäche und andere Fließgewässer sind die Lebensadern in unserer Landschaft. Allerdings sind die Gewässer faunistisch sehr viel weniger wertvoll, wenn die angrenzenden Flächen intensiv landwirtschaftlich genutzt werden und zugleich auf Gewässerrandstreifen verzichtet wird. |
Dank
Herrn Prof. Dr. Eckhard Jedicke und seinen Mitstreitern sei an dieser Stelle für ihren unermüdlichen, mittlerweile zwei Jahrzehnte dauernden Einsatz gedankt, einmal für die wissenschaftliche Begründung des Konzeptes zum Biotopverbund, zum anderen für die praktische Erarbeitung von Grundlagen und Maßnahmen zur Realisierung von Biotopverbundsystemen.
Literatur
| - | Jedicke, E. (1994): Biotopverbund – Grundlagen und Maßnahmen einer neuen Naturschutzstrategie. Verlag Eugen Ulmer, Stuttgart. |
| - | Jedicke, E. (1994): Biotopschutz in der Gemeinde. Neumann Verlag, Radebeul |
| - | Jedicke, E., Frey, W., Hundsdorfer, M., Steinbach, E. (1996): Praktische Landschaftspflege. Verlag Eugen Ulmer, Stuttgart. |
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Ein Praxisbericht zur ökologischen Aufwertung von
Entwässerungsnetzen, zur Schaffung von Laichgründen und
Kleinfischhabitaten.
von
Dr. Erich Koch,
Altshausen
Kleingewässer und ihre stiefmütterliche Behandlung
Quellen, Gräben, Bäche und Flüsse sind die Lebensadern unserer Landschaften. Und letztlich ist jeder noch so kleine Graben und das darin wegfließende Nass mit dem globalen Wasserhaushalt vernetzt.
Wasser ist unsere wichtigste Lebensgrundlage. Aber wie gehen wir damit um? Jahrhunderte lang wurde das Wasser aus der Landschaft getrieben, als ob es der Feind des Menschen wäre. Generationen von Wasserbau-Ingenieuren haben daran gearbeitet, das Wasser immer schneller aus unserem Land herauszubringen. Mit Beginn des 19ten Jahrhunderts wurden die Fließgewässer in Deutschland nahezu systematisch reguliert, das heißt begradigt, verbreitert und tiefer gelegt. Bäche, Gräben, Rinnsale und andere Fließgewässer wurden in Betonschalen gezwängt oder ganz unter die Erdoberfläche verbannt und verrohrt, wie an zahlreichen Dorf- und Stadtbächen geschehen. Und leider wurden weiterhin unzählige dieser Lebensadern auch so umgebaut, dass sie sich von Kanälen in nichts unterscheiden. Deshalb braucht es niemanden zu wundern, dass natürliche Bach- und Flussläufe, krautreiche Wiesengräben, aber auch Seen, Weiher, Teiche, Tümpel inzwischen zu einer Rarität geworden sind.
Durch die technischen Maßnahmen wie Begradigungen, Ufer- und Dammverbauungen hat der Mensch gravierend in den Naturhaushalt der Gewässer eingegriffen und so das Erscheinungsbild ganzer Landschaften verändert. Die Folgen haben wir bereits zu spüren bekommen: Weil die natürlichen Überschwemmungsgebiete entlang der Fließgewässer ihre Funktion nicht mehr erfüllen können, häufen sich die hausgemachten Hochwasser-Katastrophen. Doch auch die stillen Veränderungen wie der schleichende Artenschwund der an und in Fließgewässern lebenden Tiere und Pflanzen müssen uns alarmieren.
Die nachhaltigste Gefahr stellt natürlich die Beseitigung dar, die Lebensraumzerstörung. Man sollte meinen, in einer Zeit allgemein gestiegenen Umweltbewusstseins (zumindest in Umfragen) und wo die Begriffe „Biotop“ und „Biotopschutz“ in niemandes Wortschatz fehlen, sei dies kein Problem mehr. Dem ist offensichtlich leider nicht so. Denn mit erheblichen staatlichen Zuschüssen wurden in weiten Bereichen unseres Landes über 90 Prozent der Kleingewässer trockengelegt oder im Zuge der Flurbereinigung beseitigt. Für den Großmaschineneinsatz in der Landwirtschaft wurden Kleingewässer als Hindernisse für die Bewirtschaftung angesehen und solche Standortnachteile sind insbesondere nach 1950 systematisch behoben worden.
Auch bei „einzelbetrieblichen Meliorationen“ wurden viele dieser unzähligen Klein- und Kleinstgewässer meist in trockenem Zustand ohne viel Aufhebens verfüllt. So ist eben mancher Wiesengraben mit wertvollen Laichkräutern im Sinne einer „Heilung“ dieser Landschaftswunden klammheimlich über Nacht verschwunden. Lautlos ist dann wieder ein Gewässer-Biotop gestorben.
Ehemalige Torfstiche und Mergelkuhlen, da meist in entlegenen Ecken einer Landschaft liegend, dienten oft sogar als willkommene, kostenlose Müllkippen.
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Ehemaliger Weiher bei Altshausen-Stuben, gelegen am nordwestlichen Rand des Naturschutzgebietes Dolpenried. Wilde Müllablagerungen und andere diverse Abfallprodukte, u.a. sogar Gefahrstoffe (giftige Chemikalien), sind die unerfreulichen Spuren unserer Zivilisation, welche Kleingewässer und damit Lebensräume für Gewässerflora und –fauna vernichten. |
Warum Kleingewässer schützen?
Stehende Kleingewässer wie Weiher, Teiche, Tümpel und Altwässer sowie kleine Fließgewässer wie Dorfbach, Entwässerungs- und Wiesengraben können Heimat und Lebensgrundlage sein für weit über 1 000 Tierarten, darunter viele Kleintiere, und für über 200 Pflanzenarten. Allein über 2 000 Insektenarten sind auf Süßwasser angewiesen, darunter auch viele vom Aussterben bedrohte Insektenarten wie Großlibellen oder Schwimm- und Wasserkäfer. Die 19 bei uns heimischen Amphibien (Frösche, Kröten, Molche) sind ebenso wie viele Vogelarten auf Kleingewässer angewiesen.
Amphibien spielen eine wichtige Rolle im Naturhaushalt, da sie zum einen den Bestand an Insekten und anderer Kleintiere regulieren und zum anderen selbst die Nahrungsgrundlage für Storch, Ringelnatter und Reiher, aber auch von Eulen, Gelbrandkäfer, Igel, Dachs und vieler anderer Tiere darstellen.
Kleingewässer sind somit wichtige Ausgleichsräume in unserer intensiv genutzten Landschaft.
Die Wiesengräben – Künstliche Fließgewässer
Die natürlichen oder ehemals natürlichen Bach- und Flussnetze wurden – fast kann man sagen seit Jahrtausenden – ergänzt durch ganz unterschiedliche Formen von künstlichen Fließgewässersystemen, die ausschließlich dazu da waren oder sind, dem Menschen zweckdienlich zu sein. So auch der Wiesengraben. Er ist primär ein Zweckbau im Sinne eines Entwässerungsgrabens, welcher Bodenwasser, Grundwasser, Hangwasser oder Quellwasser sammelt und in einen anderen Graben oder Bach abführt. Sein Verlauf ist meistens gestreckt, allenfalls leicht gekrümmt. Die Breite reicht von wenigen Dezimetern bis zu mehreren Metern und sein Profil ist meist kasten- oder trapezförmig. Vielfach markieren die Wiesengräben die Grenzen von landwirtschaftlichen Flurstücken.
Zur ökologischen Bedeutung von Wiesengräben
Zweckbau heißt, dass ökologische Überlegungen oder die Überlegung, möglichst naturnah zu gestalten, beim Bau überhaupt keine Rolle gespielt haben. Dies ist erst seit etwa 1980 ein Thema. Der Wiesengraben ist damit nicht an Natürlichkeitsmaßstäben zu messen wie ein Bach. Er hat eher eine technisch-ökonomische und daher eine technikgeschichtliche und wasserbauhistorische Bedeutung. Ökologische Belange können bei einer Bewertung des Wiesengrabens eine Rolle spielen, müssen aber nicht. Das heißt jedoch nicht, dass man dieses Gewässer nicht ökologisch aufwerten kann.
Allgemein ist die Diskussion über Entwässerung/Entwässerungsgräben recht ambivalent, da einerseits – und das ist ursprünglich der Zweck dieses Grabentyps – Flächen, das heißt Feuchtgebiete mehr oder weniger trockengelegt und Sumpfquellen geradewegs abgeleitet werden.
Andererseits sind aber viele Gräben wiederum selbst äußerst wertvolle Lebensräume für eine Vielzahl von Organismen. Der Wert wird bestimmt vom Wasserhaushalt der Fläche, der Art des Grabens (tief oder flach, trapez- oder U-förmig usw.), der Art und Intensität der Grabenpflege und der angrenzenden Nutzung.
Alle diese Gräben wurden in Landschaften mit hoch anstehendem Grundwasser oder mit Staunässeböden angelegt, um land- und forstwirtschaftliche Flächen besser kultivieren zu können oder aber um Quellwasser an einem Hang oder an einer Straßen- oder Eisenbahntrasse aufzufangen.
Alte Wiesengräben, die nur alle fünf Jahre geräumt werden und im extensiven Grünland liegen, sind außergewöhnlich reich an Tierarten. Man fand hier unter anderem mehr als 20 Fischarten, 27 Libellen-, 38 Schwimmkäfer und 21 Schneckenarten. Strukturell und faunistisch am reichhaltigsten waren die Gräben, in denen die Krebsschere dominierte. Etwas andere Qualitäten besitzen die breiten Hauptentwässerungsgräben (Fleets), die neben einer reichen Fisch- und Amphibienfauna für etliche Vogelarten als Nahrungsbiotop eine größere Bedeutung besitzen.
Damit können Wiesengräben wie allgemein Klein- und Kleinstgewässer in der Gewässerökologie eine wichtige Rolle spielen. Als seitlicher Zufluss von größeren Gewässern dienen sie für bestimmte Fischarten als Laichplatz und sind als „Kinderstube“ von hoher Bedeutung für eine Selbstreproduktion. Weiterhin sind sie Lebensraum von verschiedenen Kleinfischarten.
Allerdings sind die Gräben faunistisch sehr viel weniger wertvoll, wenn die angrenzenden Flächen intensiv landwirtschaftlich genutzt werden und zugleich auf Gewässerrandstreifen verzichtet wird.
Die ökologische Aufwertung von Wiesengräben
Entwässerungsgräben werden in der Praxis mit einem Gefälle von 1 bis 2 % zum Fließgewässer hin angelegt. Vor allem in den Sommermonaten ist eine Konstanz der Wasserführung nicht mehr gegeben. Ein periodisches, teilweise längeres Trockenfallen ist die Folge. Dies beeinträchtigt die Qualität als Lebensraum erheblich.
Die Erfahrung zeigt, dass ein permanent anstehender Wasserspiegel in den Gräben und Grabensystemen die Voraussetzung ist für die Entwicklung von Lebensräumen mit hoher ökologischer Qualität.
Es stellt sich somit die Frage, wie mit einfachen Mitteln dem Trockenstress in den Sommermonaten begegnet und dadurch das Graben-Ökosystem aufgewertet werden kann.
Die einfache Idee hierzu ist, das Drainagewasser nicht durch ein Gefälle der Grabensohle zum Fließgewässer hin schnellstmöglich abzuleiten, sondern das Wasser zu speichern, indem das Gefälle „gekippt“ und der Entwässerungsgraben zum Speichergraben (Senke) ausgebaut wird. Die Sohle eines solchen, ökologisch aufgewerteten Grabens (= Wiesengraben) liegt damit grundsätzlich tiefer als die Sohle des Fließgewässers. Die Absenkung soll bei mindestens 0,2 % Gefälle gegenüber der Bachsohle liegen, bei geeigneten hydrotopographischen oder geomorphologischen Verhältnissen größer. Damit ist gewährleistet, dass der Wiesengraben ganzjährig mit Wasser gefüllt ist und dadurch eine Anbindung an das größere Fließgewässer bei allen Abflusssituationen gewährleitet ist. Neue Lebensräume von höchster Qualität können sich dadurch entwickeln.
Was unterscheidet den Drainagegraben vom Wiesengraben?
Die wichtigsten Unterschiede zwischen Drainagegraben und Wiesengraben liegen im Wasserhaushalt und dem Wasserspeichervermögen begründet, weiterhin in der ökologischen Bedeutung.
Während der Wiesengraben sich durch eine permanente Wasserspeicherung auszeichnet (perennierendes Gewässer), liegen beim Drainagegraben vor allem in den Sommermonaten stärkere Wasserstandsschwankungen und gelegentliches, im Allgemeinen periodisches, längeres Trockenfallen vor (temporäres Gewässer). Das Wasserspeichervermögen im Wiesengraben kann je nach Bauart um bis zu Faktor 20 höher sein als im Drainagegraben.
Der Wiesengraben führt als perennierendes (ausdauerndes) Gewässer ganzjährig Wasser und ist somit in der Lage, eine dauerhaft eigenständige aquatische Lebensgemeinschaft zu beherbergen. Aquatische Pflanzen mit einer längeren, teilweise mehrjährigen Entwicklung im Wasser kommen nur hier vor und fehlen weitestgehend in den periodisch austrocknenden Drainagegräben. Analoges gilt weitgehend auch für die Aquafauna. Diese Merkmale begründen die hohe ökologische Bedeutung der Wiesengräben.
Mit einfachen Mitteln können neue Kleingewässer entstehen
Bei zahlreichen landwirtschaftlichen Flächen markieren die Drainagegräben seit Generationen die Flurgrenzen. Dieses bestehende Grabensystem beansprucht in der Regel ca. 1 bis 2 % der landwirtschaftlichen Fläche. Jedoch sind die meisten Drainagegräben mit einem Gefälle zum Fließgewässer hin ausgebildet und nicht als Senke ausgelegt. Mit einem Minibagger können die Drainagegräben zu Senken (= Wasserspeicher) ausgebaut werden. Die Kosten für die Aufwertung eines solchen Drainagegrabens zu dem ökologisch höherwertigen Wiesengraben liegen bei durchschnittlich ca. 4 Euro pro lfd. Meter. Und es reicht, dann alle 8 bis 10 Jahre eine Entschlammung des Wiesengrabens durchzuführen. Als Grabenprofil hat sich die Trapezform bewährt. Die Grabenbreite an der Grabenkrone kann 2 Meter, an der Grabensohle 1 Meter betragen. Am Ende eines Wiesengrabens ist -falls möglich- die Aufweitung und Vertiefung des Grabenprofils zu einem kleinen Weiher mit abgeflachten Ufern unbedingt zu empfehlen. Bewährt haben sich Wasserflächen von 20 bis 100 Quadratmetern und einer Tiefe von 1 bis 2 Metern.
Und hier ist der Bagger nicht als naturzerstörende Technik anzusehen, sondern als willkommenes Hilfsmittel des Naturschutzes, um zahlreiche Sünden der Vergangenheit wieder auszugleichen.
Ein neuer Lebensraum entsteht
Sehr schnell wird ein solch neu entstandener kleiner Weiher von Wasserfauna und Wasserflora besiedelt, ebenso können neue Habitate für spezielle Kleinfischarten entstehen, wie zum Beispiel für die stark gefährdete Karausche (Carassius carassius), dem Fisch des Jahres 2010. Den neu geschaffenen Lebensraum kann sich die Karausche mit anderen Fischarten teilen, wie mit Schleie (Tinca tinca), Schlammpeitzger (Misgurnus fossilis), Moderlieschen (Leucaspius delineatus) und dem vor rund 30 Jahren nach Europa eingeschleppten Giebel (Carassius gibelio).
Und ohne Zutun des Menschen bildet sich bald ein „Froschweiher“, eine sogenannte „Natur aus zweiter Hand“. Für Amphibien und für viele Wasserpflanzen wie untergetauchte, schwebende, aufrechte und an der Oberfläche schwimmende, sind diese ökologisch ausgebauten Wiesengräben mit ihrem fast stagnierenden Wasser ein exzellenter Lebensraum.
Wasservögel besuchen ein solches Biotop stundenweise und zum Teil wird auch gebrütet (z.B. Krickente). Und für den Storch ist der Wiesengraben ein wichtiges Nahrungsbiotop.
Das Beispiel zeigt, dass es mit einfachen Mitteln und einem überschaubaren Aufwand möglich ist, Gewässer-Biotope zu sanieren oder neu zu schaffen. Vor allem an kleineren Gewässern, wie am Wiesengraben, lassen sich innerhalb eines kurzen Zeitraums sichtbare Erfolge erzielen.
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Ein Beispiel für einen naturnah geschaffenen kleinen Weiher durch Vertiefung und Aufweitung des Profils eines ehemaligen Drainagegrabens. Dadurch ist unter anderem ein neuer Lebensraum für eine stark gefährdete Kleinfischart, die Karausche, entstanden. |
Laichgründe schaffen
Die Schaffung solcher neuen Lebensräume kommen nicht nur gefährdeten Tier- und Pflanzenarten zugute, sondern es entstehen auch neue Laichmöglichkeiten. Durch das kleinmaschige Gewässernetz aus krautreichen Wiesengräben entsteht eine ökologisch wertvolle Biotopvernetzung, welche den Graslaichern hervorragende Möglichkeiten bietet, ihren Laich abzulegen. Die ausgeschlüpften Brütlinge von Hecht, Barsch und Cypriniden finden dann ideale Habitate in solchen Wiesengräben.
Diese seichten und vielfach auch gut strukturierten Kleingewässer eignen sich auch deshalb als hervorragende Laichplätze, weil sich in solchen Gewässernetzen die Brutfische, geschützt vor Hochwasser und Fraßdruck, ungestört entwickeln können um dann, wenn sie größer werden, ins Hauptgewässer abzuwandern.
Bekannt ist, dass bei verschiedenen Fischarten die natürliche Vermehrung stark leidet. Nur die Herstellung von Laichgründen, verbunden mit der Wiederherstellung von geschützten Jungfischhabitaten, kann die verloren gegangene Selbstreproduktion wieder zurückbringen. Gehen wir es mit vereinten Kräften an!
Schutz und Pflege
Die Biotop-Neuschaffung hat letztlich nur dann einen Sinn, wenn Gefahren von außen erkannt und möglichst abgewendet werden. Ist der Wiesengraben zwischen intensiv bewirtschafteten Wiesen und Äckern eingezwängt, so ist die Gefahr von Dünger- und Pestizideinträgen groß, was insbesondere die Gewässerfauna erheblich beeinträchtigt. Hier muss die Anlage von Gewässerrandstreifen zur Pflicht werden. Denn alle Belastungen, die wir auch dem Wiesengraben antun, sind letztlich global wirksam. Der Umgang selbst mit einem unserer kleinsten Fließgewässer, dem Wiesengraben, der nur scheinbar alles von uns wegträgt, dokumentiert in ganz besonderer Weise, ob wir in der Lage sind, in großen Zusammenhängen zu denken und zu handeln. Dass wir davon ein ganzes Stück entfernt sind, zeigt der Blick auf unsere oftmals stark degradierten Gewässersysteme.
Gewässer und Landschaft
Durch die vorstehend beschriebenen Möglichkeiten zur ökologischen Aufwertung von Wiesengräben werden nicht nur neue Kleingewässer und Laichgründe geschaffen, sondern es wird ein Netz an naturnahen Wasserrückhaltespeichern entstehen. Die Schaffung und der Schutz solcher neuen Lebensräume kommen übrigens nicht nur gefährdeten Fischarten wie der Karausche zugute, sondern sichern vielen anderen Arten (Vögel, Amphibien, Libellen u.a.), die durch menschliche Eingriffe in die Gewässerstrukturen in ihrem Fortbestand gefährdet sind, das Überleben. Es wird damit ein wichtiger Beitrag zur Sicherung der Biodiversität geleistet, weil hier oftmals in kleinräumiger Abfolge limnische, nasse, sickerfeuchte, wechselfeuchte, wechseltrockene, nährstoffreiche und nährstoffarme Kleinlebensräume aneinander stoßen. Und solche, technisch einfach durchführbaren Maßnahmen zur Biotop-Neuschaffung sind sicherlich im Sinne der Europäischen Wasserrahmenrichtlinie zur Erreichung eines guten ökologischen Zustandes.
Ein weiterer, gewichtiger Vorteil wird sein, dass diese vernetzten Kleingewässer als Konzentrationspunkte eines vielfältigen pflanzlichen und tierischen Lebens inmitten einer durchaus als monoton und uniform bezeichneten Kulturlandschaft zu liegen kommen. Denn oftmals bilden die Wiesengräben die einzigen aquatischen und amphibischen Biotope in einer ausgeräumten Agrarlandschaft und sind Überwinterungshabitate von Amphibien. Damit werden neue, wertvolle ökologische Zellen in eine Kulturlandschaft eingegliedert.
Der Schutz und die Wiederherstellung ökologisch funktionsfähiger und naturnaher Kleingewässer wird zukünftig nicht nur eine wesentliche Aufgabe der Wasserwirtschaft sein, sondern erfordert ebenso eine intelligente Zusammenarbeit mit den verschiedensten Verbänden, Organisationen und Behörden. Hier gibt es vielfältige Möglichkeiten mit dem „Nachbarn“ zusammenzuarbeiten, um die fachliche, finanzielle und personelle Leistungsfähigkeit der eigenen Gemeinde zu stärken. Und am besten funktioniert es, wenn alle an einem Strang ziehen: Kommunen, Verwaltung, Eigentümer, Fischerei, Planungsbüro u.a.
Gehen wir es gemeinsam mit Sinn und Verstand an. Die ödp ist auf jeden Fall mit dabei.
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Ein Konzept zur Vermeidung von immensen materiellen
Schäden, Verbesserung des Wasserhaushalts, Schaffung
neuer Lebensräume und zur Schonung des Klimas
von
Dr. Erich Koch,
Altshausen
Hochwasser-Katastrophen verursachen Jahr für Jahr in Deutschland immense Schäden, zum Teil in Milliardenhöhe. Menschliche Fehlplanungen und Handlungen, Missachtung hydrologischer Bilanzierungen und ökologischer Sachverhalte sind oft die Ursachen für die immer gewaltiger werdenden Auswirkungen beim letztlich nicht verhinderbaren Naturereignis Hochwasser. Nicht Hochwasser, sondern die Schadenshochwasser müssen von vornherein vermieden werden.
Ein praktikables, ökologisch und ökonomisch sinnvolles Konzept, diese jährlich wiederkehrenden Schadenshochwasser zu vermeiden, besteht im Aufbau einer Vielzahl kleiner, vernetzter Retentionsräume zur Wasserrückhaltung in der Fläche sowie im Verbund von Stauseen-Ketten mit entsprechend großen Speicherkapazitäten.
Wasserbau und Kulturmaßnahmen
Die geradezu revolutionären Entwicklungen in der Landwirtschaft ziehen sich durch alle Bereiche der Landnutzung. In ganz besonderem Maße äußerten sie sich im Wasserbau. Die großen Flusskorrekturen des 19ten Jahrhunderts dienten noch vorwiegend oder ausschließlich der Schifffahrt, später auch zur Nutzung der Wasserkraft. Die Flussbegradigung hatte praktisch keinen Einfluss auf Häufigkeit und Stärke des Hochwassers, außer dass die Flut schneller flussabwärts vorankam, dafür aber auch schneller wieder ablief. Erst die massive Eindämmung der Flüsse in ihren früher weitläufigen Auen bewirkte ein starkes Ansteigen der Hochwasser-Höhen, weil sich die Pegel-Durchfluss-Beziehungen zu Ungunsten des natürlichen Abflussgeschehens veränderten. Die einst regelmäßig, aber unvorhersehbar überschwemmten Auen, die nur als Weideland genutzt werden konnten, ließen sich jetzt durch die Damm- und Deichbauten in Ackerland und nutzbares Bauland umwandeln. Ein regelrechter Erschließungsboom setzte ein und innerhalb weniger Jahre verwandelten sich die ehemaligen Flussauen zu Siedlungs- und Industriegebieten. Diese neue Landnahme entzog den Flüssen ihre Überschwemmungsflächen. Die Seitenausdehnung der Wassermassen war durch den Fluss- und Tal-(Auen)-Verbau massiv beeinträchtigt und ließ die Pegelstände erhöhen. Das verschärfte die Hochwasser in den am Fluss gelegenen Städten ganz erheblich, weil flussaufwärts die Rückhalteräume fehlen. Hier wurden und werden in der Bau- und Landnutzungsplanung regelmäßig Fehler gemacht mit teilweise verheerenden Auswirkungen.
So hat sich die Anzahl der einem möglichen Hochwasser ausgesetzten privaten Gebäuden sowie der gewerblichen und industriellen Anlagen seit Beginn des 20sten Jahrhunderts erheblich vergrößert. Durch die Ansiedlung des Menschen in Gewässernähe und der damit verbundenen Anhäufung von riesigen materiellen Werten sind jetzt enorme Hochwasserschäden die Folge. Verheerende Schäden an Privateigentum, kommunalen Gebäuden, Kulturdenkmälern, Infrastruktur und gewerblich-industriellen Einrichtungen sowie an Kultur- und Naturflächen sind zu beklagen. Durch die Wasserfluten werden Menschenleben bedroht und Arbeitsprozesse behindert. Kurzum, immense Werte werden vernichtet.
Hauptursache für Hochwasser-Katastrophen
Die weitaus größeren Veränderungen erzeugte jedoch der Ausbau der Gewässer dritter Ordnung im Rahmen des landwirtschaftlichen Wasserbaus. Ein Großteil der kleinen Flüsse, Bäche und sogar der Rinnsale oder nur zeitweise wasserführenden Gräben wurde mit immensem Aufwand an Geld so ausgebaut, dass das Niederschlags- oder Sickerwasser schnellstmöglich ab- und in die großen Flüsse eingeleitet wurde.
Dadurch laufen die Hochwasserwellen tendenziell erheblich schneller ab und bilden höhere Spitzen.
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Die Entscheidung liegt bei uns, ob wir das Wasser in kanalisierten Rinnen möglichst schnell an die Unteranlieger weiterleiten oder den Wasser-Rückhalt in der Fläche fördern und dadurch neue Lebensräume für eine Gewässerfauna und –flora schaffen. |
Ziel der Kulturmaßnahmen war es, auf allen landwirtschaftlichen Produktionsflächen auch möglichst gleichartige Produktionsbedingungen zu schaffen. Standortnachteile sollten behoben werden. Frühere Grenzertragsflächen, deren Bewirtschaftung im Vergleich zum Aufwand kaum Erträge erwarten ließ, konnten durch die Kulturmaßnahmen in die landwirtschaftliche Produktion mit einbezogen werden [1].
Als eine der Hauptwirkungen dieser landesweiten Entwässerung der Fluren verschwanden weithin die Unterschiede in den Lebensbedingungen der Natur. Besonders groß wurden die Verluste bei den Feuchtgebieten. Moderne, von starken Motoren getriebene Maschinen ermöglichten die Entwässerung von Mooren, Feuchtwiesen und Sümpfen. Die Verlegung von Drainagerohren und das Ausbetonieren von Abzugsgräben gehörte zum Standard des Kulturwasserbaus. Der Ausbau der Gewässer dritter Ordnung verschlang jene Summen an Steuermitteln, die dringend benötigt worden wären, die Hochwasser-Probleme bleibend zu lösen.
Auewälder wurden gerodet. In der Zeit von 1950 - 1975 verloren die mitteleuropäischen Flüsse den größten Teil der noch verbliebenen Auen. Seither gibt es durchschnittlich nur noch etwa 5 Prozent der früheren Auwaldflächen des unregulierten Zustandes. Auwälder, Sümpfe und Moore gehören zu den ganz großen Verlierern in der Umgestaltung der mitteleuropäischen Landschaften [2].
Ein Großteil der Hochwasser-Schäden, die Ende des 20sten Jahrhunderts und vor allem in den letzten Jahren zustande gekommen sind, beruht auf diesen Maßnahmen. Für wenige Hektar hochwasserfrei angelegter Auen, die landwirtschaftlich genutzt werden können, haben die Anwohner flussabwärts und die Steuerzahler insgesamt unverhältnismäßig hohe Schäden abbekommen. Niederschläge normaler Größenordnungen, die keineswegs über Regenmengen früherer Jahrhunderte hinausgehen, schwellen zu nicht mehr kontrollierbaren Fluten an, weil praktisch alle Rinnsale, Gräben, Bäche und Flüsse das Wasser schnellstens ableiten. Die eingeschnürten Flüsse können diese Fluten natürlich nicht mehr fassen.
Geht man der Frage nach, wie viele Fließgewässer es in Deutschland gibt, und hierbei nur die natürlichen Gewässersysteme berücksichtigt, wie sie in der Topographischen Karte 1 : 25 000 enthalten sind, gibt es allein in Deutschland etwa 600 000 Kilometer Fließgewässerstrecken. Rechnet man die zahlreichen künstlichen Fließgewässer wie Gräben, Kanäle usw. hinzu, kommt man auf über 1 Million Kilometer an Fließgewässerstrecken. Und dieses riesige Potenzial an unzähligen kleineren Fließgewässern mit ihren Regulierungen bewirken in ihrer Summe die eigentlichen Hochwasser-Katastrophen.
Anhand der so genannten „Elbeflut" vom August 2002 soll das verdeutlicht werden. Der Begriff „Elbeflut" weist in eine völlig falsche Richtung, denn im Elbetal selbst entstand nur ein Bruchteil der Schäden. Die großen Verwüstungen traten an den Zuflüssen der Elbe auf, oft an kleinen Bächen und harmlos dahin plätschernden Rinnsalen, die in kürzester Zeit zu reißenden Strömen wurden. Und hier muss stets das immense Potenzial an kleinen und kleinsten Fließgewässern im Bewusstsein bleiben. Denn die kleinen Gewässer sind quantitativ und qualitativ die „Kinderstube" der großen Bäche und Flüsse. Deshalb können diese immer nur so gut sein, wie es die vielen kleinen Gewässer im Einzugsgebiet zulassen.
So wurde die Stadt Grimma in Sachsen nicht durch die Elbe vier Meter hoch überflutet, sondern durch den Nebenfluss Mulde. Der Ort Weesenstein wurde durch das Flüsschen Müglitz regelrecht zerstört und selbst der Sturzbach durch den Dresdener Hauptbahnhof hatte nichts mit dem Hochwasser der Elbe zu tun, sondern wurde durch die Weißeritz verursacht. Dieser Bach stand mit einem 100-jährlichen Abfluss von 350 m³/s zu Buche, der jetzt ankommende Scheitelabfluss lag bei 600 m³/s [4]. Die Weißeritz, die im Stadtgebiet Dresdens heute teilweise unterirdisch fließt, war diesen Wassermassen nicht mehr gewachsen. Das überschießende Wasser suchte seinen alten Weg - und auf diesem steht mittlerweile Dresdens Hauptbahnhof.
Das Fazit ist: Kleine Gewässer - Große Wirkung!
Und so ist eine der Hauptursachen für die Hochwasser-Katastrophen, dass man die im 19ten Jahrhundert begonnene Regulierung der Flüsse konsequent im 20sten Jahrhundert bis in die Quellbezirke zu Ende führte. Die davon ausgelösten Hochwasser-Katastrophen sind keine Folge einer in Gang gekommenen Klimaerwärmung, sondern hausgemachte Ergebnisse des landwirtschaftlichen Wasserbaus, dessen Verantwortung an den jeweiligen Flurstücken oder spätestens an den Grenzen des zuständigen Wasserwirtschaftsamtes endet [1]. Auch wenn in der Vergangenheit überregionale Kommissionen für Hochwasserschutzmaßnahmen gebildet wurden, so ist der Gedanke, sich um die Gemeinwesen flussabwärts zu kümmern, immer noch weitgehend fremd.
Die rasante Siedlungsentwicklung seit Beginn des 20sten Jahrhunderts nutzte die durch Damm- und Deichbauten trockengelegten Flächen von ehemaligen Überschwemmungsgebieten. So hat sich die Anzahl der einem möglichen Hochwasser ausgesetzten privaten Gebäuden sowie der gewerblichen und industriellen Anlagen erheblich vergrößert. Durch die Ansiedlung des Menschen in Gewässernähe und der damit verbundenen Anhäufung von riesigen materiellen Werten sind jetzt enorme Hochwasserschäden die Folge [3, 4]. Verheerende Schäden an Privateigentum, kommunalen Gebäuden, Kulturdenkmälern, Infrastruktur und gewerblich-industriellen Einrichtungen sowie an Kultur- und Naturflächen sind zu beklagen. Durch die Wasserfluten werden Menschenleben bedroht und Arbeitsprozesse behindert. Kurzum, immense Werte werden vernichtet.
Und hier muss radikal umgedacht werden. Was der Mensch durch den Wasserbau zerstört und gefährdet hat und durch den Klimawandel verstärkt wird, wird ein Wassermangel in Europa sein. Sauberes Wasser droht zu einem knappen Gut zu werden. Auch das Grundwasser, bisher noch am saubersten, ist gefährdet: In vielen Städten reicht es zur Wasserversorgung nicht mehr aus und muss mit Oberflächenwasser künstlich angereichert werden. Deshalb muss ein neues „hydrologisches Grundgesetz" in die Schul- und Lehrbücher sowie in die Gewässer relevanten Gesetzeswerke eingeführt werden:
Das Wasser zurückzuhalten muss oberste Priorität haben.
Grundlagen der Hydrologie
Für eine realistische Lösung der gesamten Hochwasserproblematik im Binnenland gibt es nur einen Weg, nämlich die Wasserrückhaltung in der Landschaft des gesamten Einzugsgebiets eines Gewässers. Denn der Raum, den die Flüsse im unregulierten Zustand früher eingenommen hatten, ist längst anderweitig genutzt und nicht mehr wieder zurückzugewinnen.
Anhand einfacher Grundlagen der Hydrologie können Niederschlag, Wasserabfluss, Verdunstung und Wasserspeicheränderung quantitativ bewertet werden. Hierbei nimmt der Wasserabfluss in der Hydrologie eine Schlüsselstellung ein. Da die Verdunstung insgesamt für ein größeres Gebiet nicht zu erfassen ist, geht die Hydrologie von den Abflussmengen aus, die an den Fluss-Pegeln allgemein seit Beginn des 19ten Jahrhunderts gemessen werden.
Die Bilanzierung von Wasserumsätzen erfolgt auf der Grundlage des Massenerhaltungssatzes. Die hydrologische Bilanzgleichung lautet in ihrer einfachsten statischen Form:
| N = A + V + ΔS |
Die Größe N bedeutet den auf ein umgrenztes Gebiet (hydrologisches Einzugsgebiet) fallenden Niederschlag, A die Wassermenge, die ober- und unterirdisch abfließt und V sämtliche Arten der Verdunstung (Evapotranspiration), also die Gesamtverdunstung aus Evaporation, Interzeption und Transpiration. Die 4. Größe berücksichtigt die Wasserspeicheränderung ΔS. Die Wasserspeicherung kann als Eis, Schnee, Oberflächenwasser und unterirdisches Wasser (Boden- und Grundwasser) erfolgen.
Die Bewertung der Wasserumsätze durch Niederschlag, Abfluss, Verdunstung und Speicheränderung erfolgt als Volumen pro Flächen- und Zeiteinheit, z.B. mm/d.
Die Formel der hydrologischen Bilanzgleichung besagt, dass die Summe der Mengen aus Abfluss, Verdunstung und Speicheränderung eines hydrologischen Einzugsgebietes in einem gewählten Zeitabschnitt (z.B. monatlich) die Niederschlagsmengen ergeben. Damit spielt die Wasserbilanz eine wesentliche Rolle für die Ermittlung der Wasserspeicherkapazität von Niederschlägen in einem Einzugsgebiet.
Die hydrologische Bilanzgleichung spiegelt weiterhin in einem gewissen Grad das landschaftliche Milieu des Einzugsgebietes eines Flusses wieder. Denn Art, Intensität und Dauer des Abflusses hängen von der Morphologie des Flussgebietes, der Beschaffenheit des Bodens, des Untergrundes sowie der Vegetation ab. Damit ist der Abfluss gerade wegen seines Zusammenwirkens zahlreicher Faktoren ein hervorragender Index für die Ökologie einer Landschaft [5].
Ebenso können sich die menschlichen Eingriffe in Gestalt von Flussbegradigungen, Kanalisierungen, Eindeichung, Erhöhung der Abflussgeschwindigkeit von Bächen und Flüssen, Versiegelung der Böden, ansteigender Auenverbau und zunehmende Besiedlungsdichte signifikant, teilweise sogar entscheidend auf die Abfluss-Bilanz eines Flusses auswirken, wie durch die hydrologische Bilanzgleichung innerhalb eines bestimmten Zeitabschnitts beschrieben werden kann:
A = N - V - ΔS
A = Abfluss
N = Niederschlag
V = Verdunstung
ΔS = Wasserspeicheränderung
Alle Terme werden in Volumen pro Flächen- und Zeiteinheit gemessen und beziehen sich auf das hydrologische Einzugsgebiet.
Diskussion der hydrologischen Bilanzgleichung
Fall 1: Es wird eine extrem große Niederschlagsmenge N in einem begrenzten Einzugsgebiet und innerhalb eines bestimmten Zeitabschnitts angenommen. Dann ist die Abflussmenge A primär abhängig von der Niederschlagsmenge N sowie von der Verdunstung V und Änderung der Wasserspeicherung ΔS. In einer Kulturlandschaft mit geringer Wasserspeicheränderung oder einer urbanen Region mit hoher Bodenversiegelung sind die beiden Terme V und ΔS klein. Damit wird die Abflussmenge eines Gewässers im Wesentlichen durch die Niederschlagsmenge N bestimmt. Sintflutartige Regenfälle bedingen dann einen extremen Anstieg des Abflusses.
Ergebnis Fall 1: Eine Flutwelle baut sich auf. Verheerende Hochwasserschäden werden die Folge sein.
Fall 2: Wie im Fall 1, wird von einer extrem großen Niederschlagsmenge ausgegangen. In einer naturbelassenen Landschaft kann die Verdunstung V und die Änderung der Wasserspeicherung ΔS hoch sein. Die Abflussmenge A eines Gewässers wird dann wesentlich durch die beiden Terme Verdunstung V und Speicheränderung ΔS bestimmt. Der Aufbau einer gefährlichen Flutwelle wird generell vermieden. Es kommt zu einem kontinuierlichen Anstieg des Wasserpegels. Ein „normales" Hochwasser als völlig natürliche Erscheinung ist die Folge.
Ergebnis Fall 2: Verheerende Überflutungsschäden wie im Fall 1 werden ausbleiben.
Das Resultat der hydrologischen Bilanzierung ist, dass vorbeugender Hochwasserschutz grundsätzlich machbar ist. Grundlegendes Wissen ist hierzu vorhanden. Jedoch beschränkte sich der Hochwasserschutz in der Vergangenheit weitgehend auf bautechnische Maßnahmen. Integrierende Präventionsmaßnahmen wurden bislang nicht oder nur wenig realisiert.
Eine sehr große Zahl an Experten, Universitätsinstituten, Behörden, Landesämter, Bundesanstalten und Staatsregierungen, dann Komitees für Katastrophenvorsorge und die Initiativen zur Verbesserung der Hochwasservorsorge sowie zahlreiche andere Einrichtungen beschäftigen sich seit Jahrzehnten intensiv mit der Hochwasserproblematik. Viele der dort erarbeiteten Konzepte mögen richtig und wertvoll sein, doch die Tatsache bleibt, dass in den letzten 20 Jahren die Schäden durch Flutkatastrophen verheerende Ausmaße angenommen haben.
Dieser Sachverhalt wird zum Anlass genommen, ein einfaches, praktikables, öko-logisch und ökonomisch sinnvolles Konzept zu entwickeln, welches die verheerenden Hochwasser-Schäden im Binnenland verhindert oder zumindest deutlich mindert. Klar muss dabei auch sein, dass es einen absoluten Hochwasserschutz nicht geben kann. Das Ziel muss deshalb nicht die Verhinderung von Überflutungen sein, sondern die Begrenzung auf Bereiche, in denen möglichst wenig Schäden angerichtet werden.
Die Konzeptidee, Hochwasser-Katastrophen zu vermeiden, den Wasserhaushalt zu verbessern und das Klima zu schützen
Ein Modell für die Bundesrepublik Deutschland
Es wird nachdrücklich betont, dass es sich bei der folgenden Beschreibung um ein exemplarisches Denkmodell für die Bundesrepublik Deutschland handelt, welches dann vor Ort an die Realität angepasst werden muss.
Fallbeispiel A: Extremsituation
Ergebnis: Eine Hochwasser-Katastrophe wird durch das Retentionsnetz vermieden.
Fallbeispiel B: Normalsituation
Ergebnis: Die beiden Fallbeispiele beweisen, dass Hochwasser- Katastrophen vermieden oder zumindest deutlich gemindert werden können.
1. Gesetz der kommunizierenden Gefäße:
In allen kommunizierenden Gefäßen (vernetzte Gefäße) liegen alle Oberflächen einer ruhenden Flüssigkeit in einer waagrechten Ebene.
Für das Konzept des Retentionsnetzes bedeutet dies, dass alle natürlichen und künstlichen Wasserspeicher wie Mulden, Senken, Tümpel, Weiher, Teiche, Rinnsale u.ä.m. durch ein vernetztes Grabensystem mit dem Vorfluter verbunden sein müssen.
2. Gesetz von der Erhaltung der Energie:
Dieses physikalische Gesetz ist ein allgemein gültiges, grundlegendes Naturgesetz, nach dem bei einem physikalischen Vorgang Energie weder erzeugt noch vernichtet, sondern lediglich in eine andere umgewandelt werden kann.
Als Folgerung des Energiesatzes ergibt sich die Unmöglichkeit, ein Perpetuum mobile 1. Art zu konstruieren.
Für das Konzept des Retentionsnetzes bedeutet das, dass eine Hochwasserwelle, ohne Energiezufuhr von außen, sich nicht vergrößern kann. Dieser Sachverhalt ist entscheidend, weil bei dem hier vorgestellten Projekt des Retentionsnetzes grundsätzlich dem System des Vorfluters keine zusätzliche Energie von außen, z.B. durch einen Nebenfluss (kinetische und potentielle Energie) zugeführt wird.
3. Potentielle und kinetische Energie:
Eine Flutwelle kann physikalisch als ein Energie-System betrachtet werden, welches sich aus potentieller Energie (Epot) und kinetischer Energie (Ekin) zur Gesamtenergie (Eges) zusammensetzt.
Potentielle und kinetische Energie werden in der Physik unter dem Begriff mechanische Energie zusammengefasst.
Eges = Epot + Ekin = g • mt • ho + ½• mt • vo²
| g | = Erdbeschleunigung 9,8 m/sec² |
| mt | = träge Masse in kg |
| ho | = Höhe der Flutwelle im Vorfluter über Normalnull in m |
| vo | = Geschwindigkeit der Flutwelle im Vorfluter in m/sec |
Bei dem Modell wird ein Differenzbetrag der potentiellen Energie des Vorfluters dEpot (Vorfluter) in kinetische Energie umgewandelt:
dEpot (Vorfluter) = g • mt • (ho - h) = ½ • mt • v² (Retentionsnetz)
potentielle Energie im Vorfluter = kinetische Energie im Retentionsnetz
| h | = Höhe in m im Retentionsnetz nach Passage der Flutwelle |
| v | = Geschwindigkeit in m/sec der trägen Masse im Retentionsnetz |
Die obige Formel beschreibt das kontinuierliche Zusammenbrechen der Flutwelle und die Ausbreitung der Wassermassen ins Retentionsnetz.
Wird h = ho, existiert keine Flutwelle mehr. Es besteht ein Gleichgewicht der Wasseroberfläche im Vorfluter und im Retentionsnetz.
Ein Realisierungsgrad von > 90 % kann dann erreicht werden, wenn in nicht prädestinierten Regionen entsprechend angepasste Maßnahmen und Techniken ergriffen werden. So können in Hochgebirgsregionen Wildbachverbauungen vorgenommen werden, in Gebieten mit z.B. Granit- und Gneisformationen kann sich der Bau von mehreren, hintereinander geschalteten Rückhaltebecken bewähren. In Steillagen kann ein serpentinenartig geführter Bachverlauf mit einem möglichst parallelen Verlauf der Bachbettsequenzen quer zum Hang angelegt werden. Entscheidend in jedem Fall ist es, den Wasserabfluss zu verzögern und alle Möglichkeiten der Wasserrückhaltung auszunutzen.
Ein nahezu universell anwendbares Verfahren ist der Bau von Stauseen-Ketten mit entsprechend großen Flutungskapazitäten. Allerdings liegen die Baukosten um das 3 bis 5-fache höher im Vergleich zur Anlage eines kleinmaschigen Retentionsnetzes mit bereits vorhandenen natürlichen Speichermöglichkeiten.
Es ist notwendig, dezentrale Maßnahmen gewässer- und einzugsgebietspezifisch zu untersuchen und für das jeweilige Einzugsgebiet das größte Potential an dezentralem Rückhalt durch entsprechende Maßnahmenkombinationen zu ermitteln.
Den Kosten von ca. 1 Milliarde Euro jährlich für die Errichtung und Unterhaltung eines Retentionsnetzes zur nachhaltigen Vermeidung von Hochwasser-Katastrophen müssen die jetzigen laufenden Kosten in Höhe von jährlich > 1 Milliarde Euro aus staatlichen Mitteln gegenüber gestellt werden.
Diese jährlichen Kosten von mehr als 1 Milliarde Euro fließen zu einem großen Teil den Flurbereinigungsbehörden zu, um vorhandene Wasser- und Drainagegräben zu verfüllen sowie Flurgehölze, Brachland- und Feldgehölzinseln zu roden, damit größere Flächeneinheiten für landwirtschaftliche Großbetriebe geschaffen werden. Die Flurbereinigung dient primär dem Ziel, im Interesse der Landwirtschaft möglichst hohe Ertragssteigerungen zu erzielen. Deshalb strebt die Flurbereinigung an, das Oberflächenwasser möglichst rasch in Kanäle und andere Vorfluter abzuleiten.
Ähnliche Maßnahmen werden auch von den Wasserverbänden, Straßenbauämtern, Land- und Forstwirten sowie Bauherren durchgeführt, um anfallendes Regenwasser möglichst rasch in den nächsten Vorfluter und diesen in die Täler abzuleiten. Um die Strömung der Bäche und Flüsse zu beschleunigen, werden Bachbette tiefer gelegt und begradigt (sog. „Rennstrecken“). Uferbewuchs erscheint als unnötiges Hindernis und fällt den Ausbaumaßnahmen zum Opfer. Weiter flussabwärts führen diese Maßnahmen immer wieder zu katastrophalen Verhältnissen und verheerenden Überflutungen aufgrund des Wegfalls der natürlichen hydraulischen und hydrologischen Dynamik.
Die genauen Kosten für diese Ausbaumaßnahmen zur Beschleunigung des Wasserabflusses konnten nicht genau bestimmt, sondern nur grob abgeschätzt werden. Sie liegen jedoch in der Größenordnung wie die der Flurbereinigungsmaß-nahmen in Höhe von ca. 1 Milliarde Euro jährlich.
Die immer stärkeren Hochwässer der großen Ströme wie Elbe, Oder, Rhein und Donau machen es aus Sicht der Behörden und Landesregierungen notwendig, mit enormen finanziellen Mitteln (= Steuergeldern) die Deiche zum Schutz der dahinter liegenden Flächen zu verstärken und zu erhöhen. Und dies ist genau der falsche Lösungsansatz, welcher jährlich zusätzlich ca. 1 Milliarde Euro an Baukosten verschlingt.
Dieser Tatsachenverhalt soll verdeutlichen, wie wenig sinnvoll mit den Geldern des Steuerzahlers umgegangen wird, welche Absurditäten im Wasserbau teilweise praktiziert werden und Kosten in Milliardenhöhe jährlich eingespart werden können.
Schäden durch Überflutungen
Die großflächigen Überschwemmungen finden vor allem wegen der damit verbundenen immensen Schäden besondere Aufmerksamkeit. Die folgenden Angaben zu den volkswirtschaftlichen Schäden beziehen sich auf die Daten und Statistiken der Münchner Rückversicherung [7].
| 1. | Im Zeitraum vom 12. – 20. August 2002 belaufen sich die offiziellen Hochwasserschäden in Deutschland auf 13.500 Millionen US $. |
In dieser Schadenssumme von 13,5 Milliarden US $ ist die gesamte Schadstoffproblematik des Elbe-Hochwassers nicht enthalten. Das Hochwasser im Elbegebiet sorgte durch Unterspülung, Überflutung und Erosion für die Freisetzung unterschiedlicher Kontaminanten auf tschechischem und deutschem Gebiet. Die Halden des über Jahrhunderte betriebenen Erzbergbaus, „Tailings“ aus dem Uranbergbau der Nachkriegszeit und industrielle Altlasten aus dem Großraum Bitterfeld-Wolfen fungierten als Schadstoffquellen im Muldegebiet. Hinterlassenschaften chemischer Produktionsbetriebe entlang anderer Nebenflüsse und der Elbe selbst, Braunkohletagebaue und sekundäre Altlastdepots in den Buhnenfeldern der Elbe waren betroffen. Hinzu kamen Schadstoffe aus überschwemmten Wohngebieten und Kläranlagen [8].
Bedenklich sind die über Jahre, Jahrzehnte und Jahrhunderte bleibenden Verunreinigungen nach der Phase der Überflutung.
Die Elbe-Flut vom August 2002 hat gezeigt, dass nur ein komplexes, ja, radikales Umdenken, das nicht an politischen Grenzen halt machen darf und in rechtlichen Grundlagen verankert werden muss, unsere und die kommenden Generationen sowie unseren Lebensraum wirksam vor den Folgen solcher Katastrophen schützen kann.
| 2. |
Allein die Überschwemmungen in der Zeit vom 20. – 27. 8. 2005 verursachten in der Schweiz einen Schaden von 2.100 Millionen US $, in Österreich von 700 Millionen US $ und in Bayern von 220 Millionen US $ [7]. |
| 3. |
Die durch Hochwasser-Katastrophen verursachten Schäden betragen jährlich weltweit > 50 Milliarden US $. |
Klimaschutz durch CO2 – Einsparung
Es wurde aufgezeigt, wie Hochwasser-Katastrophen nachhaltig vermieden werden können. Damit werden Schadenskosten in Höhe von > 40.000 Millionen Euro eingespart. Die Schadenskosten von > 50 % sind direkte oder indirekte Energiekosten.
Die Tatsache jedoch bleibt, dass an diesen Tagen des Katastrophen-Einsatzes mindestens 100 000 000 Liter an Diesel-, Kerosin- und Benzinkraftstoffen verbraucht wurden.
Die vorstehenden Beispiele sollen verdeutlichen, welcher Energieinhalt in verschiedenen Materialien implementiert ist. Die Beispiele zeigen weiterhin, dass insbesondere Materialien für den Hoch- und Tiefbau sehr energieintensive Produktionsverfahren bedingen, wie z.B. Zement und Baustahl.
Ergebnis: Vermeidet man die weltweit verursachten Schäden durch Hochwasser-Katastrophen, so können dadurch > 25 Millionen Tonnen klimaschädigendes Kohlenstoffdioxid eingespart werden.
Klimaschutz durch biologische Systeme
Durch Photosynthese und nachfolgende Prozesse setzen Bäume das Treibhausgas CO2 in Holz um. Wälder sind gigantische Kohlenstoff-Speicher. In bis zu 400 Tonnen Holz pro Hektar lagern sie 200 Tonnen Kohlenstoff ein. In der Biomasse der Wälder sind weltweit rund 600 Milliarden Tonnen an Kohlenstoff gespeichert.
Die weitere Idee ist, Flurgehölze entlang der Grabensysteme zu pflanzen.
Technische Realisierbarkeit, Rahmenbedingungen und Kosten am Modell Bundesrepublik Deutschland:
Nutzen der Grabenhecken:
Extreme Flurbereinigungen, wie sie in den vergangenen Jahrzehnten praktiziert wurden, haben zu einer Verarmung der Artenvielfalt und zu Beeinträchtigungen des Bodens und Wasserhaushaltes geführt. Es gilt, diese Schäden in einer sinnvollen Weise zu beheben. Dazu dient das vorliegende Dossier.
Die Funktionen von Stauseen-Ketten
Eine bekannte Stauseen-Kette wurde bereits im 16ten bis 19ten Jahrhundert im Harz auf engstem Raum von rund 200 Quadratkilometern in einer einzigartigen Dichte von 143 Stauseen angelegt (Oberharzer Wasserregal). Die vielen kleinen Seen bei Clausthal-Zellerfeld besitzen einen Gesamtinhalt von 22 Millionen m³ und dienten zur Speicherung von Wasser, um die Wasserräder in den Bergwerken des Oberharzer Bergbaus anzutreiben. Das Oberharzer Wasserregal mit seinem 500 km langen Wasserzuführungs-Grabensystem zählt zu den größten und bedeutendsten historischen bergbaulichen Wasserwirtschaftssystemen der Welt. Die Anlagen wurden am 31. Juli 2010 wegen ihrer Einzigartigkeit und ihres großen Umfanges vom UNESCO-Welterbekomitee zum UNESCO-Weltkulturerbe erklärt.
Einige der Stauseen erfüllen in der Gegenwart aus Sicht der Wasserwirtschaft noch einen Zweck im Hochwasserschutz und in der Trinkwassergewinnung.
Im Hochmittelalter und bis zu Beginn des 19ten Jahrhunderts wurden in Deutschland eine Vielzahl von Teichen angelegt. Sie dienten der Fischzucht und besonders dem Gewerbe, wie z.B. Mühlenteiche.
So wurden im Gebiet des Landkreises Ravensburg im Verlauf des 15ten bis 19ten Jahrhunderts rund 2 400 Weiher angelegt. Im Rahmen der in den Jahren 1978 bis 1981 im Landkreis Ravensburg durchgeführten Feuchtgebietskartierung wurden lediglich noch 659 der 2409 Weiher und ehemaligen Weiher aufgenommen. Damit wurde der allergrößte Teil der früheren Weiher aus dem Bild und dem Verbund der Kulturlandschaft völlig eliminiert. Dadurch verlor man schätzungsweise 25 bis 30 Millionen Kubikmeter an Speicherraum für das Niederschlagswasser [13]. Und dies allein nur im Landkreis Ravensburg. Die daraus resultierenden Probleme für den Landschaftswasserhaushalt sind allgemein bekannt:
Absinken der Grundwasserstände, mangelnde Grundwasserneubildung, schnelle und starke Hochwasserabflüsse, allgemein stark schwankende Wasserführungen der Fließgewässer sowie zunehmende Überschwemmungen mit immensen materiellen Schäden und Todesopfern.
Mit dem Bau von Stauanlagen ahmt der Mensch die von der Natur gegebenen Bedingungen einer Wasserspeicherung nur nach. Denn Stauseen gibt es von Natur aus und sie sind schon seit Jahrtausenden vorhanden. Man betrachtet sie bloß nicht als Stauseen. Die meisten Naturseen der Alpen und Voralpen oder anderer Bergregionen entstanden als Stauseen, weil abschmelzendes Gletscherwasser sich an der Endmoräne staute, und erst als der Rückstau entsprechend gefüllt war, sich dann das Wasser einen Überlauf schaffte. So läuft der Hochrhein in den Bodensee und wird dort als großer See zurückgestaut, bis das Wasser das Seebecken über den Rhein bei Schaffhausen wieder verlässt. Die Tiroler Ache speist auf dieselbe Weise den Chiemsee und fließt als Alz zum Inn. Bei Rhone und Genfer See verhält es sich analog. Durch einen Stausee fließt der Fluss mit gleicher Wassermenge pro Jahr wie ohne Aufstau. Nur so lange, bis das Staubecken aufgefüllt ist, kommt eine Rückhaltung zustande. Aus eben diesem Grund kann auch ein Stausee nur so viel Wasser einer Flut zurückhalten, wie noch nicht aufgefüllte Speicherkapazität vorhanden ist.
Die Ketten von Stauseen, wie sie an vielen Flüssen gebaut worden sind, um Strom zu erzeugen oder Mindestwassertiefen für die Schifffahrt zu garantieren, bewirken bei Hochwasser nicht allzu viel, weil ihnen größere Speichermöglichkeiten fehlen. Bei der Anlage von Stauseen-Ketten wurde besonderes durch den Naturschutz darauf geachtet, den „Landschaftsverbrauch“ möglichst zu minimieren. Die Ergebnisse sind jetzt für Hochwasser nicht taugliche Stauseen.
Schadenshochwässer können nur dann von Stauseen-Ketten entschärft oder gar vermieden werden, wenn entsprechend große Flutungsflächen bereit gestellt werden. Stauanlagen können das Hochwasser umso weniger entschärfen, je schneller das Wasser durch den Ausbau der Kleingewässer im Einzugsbereich zum Hauptfluss strömt.
Dieses Prinzip wurde insbesondere bei der Bilanzierung der vielen kleinen Begradigungen und Meliorationsmaßnahmen in den Oberlaufbereichen unserer mitteleuropäischen Flüsse missachtet [11]. Die Folgen zeigen sich in den Schadenshochwässern unserer Zeit mit ihren verheerenden Schäden [12].
Es ist abzusehen, dass in den kommenden Jahrzehnten dezentrale Stauseen-Ketten im Verbund mit kleinmaschigen Retentionsnetzen als Landschaftselement erkannt und anerkannt sein werden und sie zu einem wichtigen Objekt neuzeitlicher Stadt- und Landesplanung werden. Man wird ihnen ähnlich wie im Denkmalschutz und beim Schutz der Kulturlandschaft speziellen Schutz angedeihen lassen. Verlandete Stauseen und Mühlenteiche, zugeschüttete Gräben, Mulden und Tümpel werden vermutlich mit viel Aufwand wieder saniert und regeneriert. So reagieren die Menschen auf das Bekannte.
Konzept-Idee:
Aufbau einer Vielzahl kleiner, vernetzter Retentionsräume zur Wasserrückhaltung in der Fläche im Verbund mit Stauseen-Ketten.
Konsequenzen:
Literaturangaben
| [1] | Reichholf, J.H.:Eine kurze Naturgeschichte des letzten Jahrtausends. 3. Auflage. Frankfurt am Main: S. Fischer Verlag, 2007. |
| [2] | Reichholf, J.H.: Stabile Ungleichgewichte. Die Ökologie der Zukunft. 1. Auflage. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag, 2008. |
| [3] | Ministerium für Umwelt und Verkehr Baden-Württemberg: Hochwassergefahr und Strategien zur Schadensminderung in Baden-Württemberg. Stuttgart, April 2003. |
| [4] | Kron, W.: Hochwasser. In: Wetterkatastrophen und Klimawandel. ISBN 3-937624- 80-5. München: Münchener Rück, S. 122 – 131, 2005. |
| [5] | Heyn, E.: Wasser – ein Problem unserer Zeit. 1. Auflage. Frankfurt am Main: Verlag Moritz Diesterweg, S. 57, 1981. |
| [6] | Koch, E.: Kleine Gewässer – Große Wirkung. Über die wahren Ursachen von Hochwasser-Katastrophen und deren Vermeidung. Offenbach/Main: AFZ/fischwaid, Heft 3, S. 19-21, 2010. |
| [7] | Koch, E.: Dränagegraben als Wasserspeicher nutzen. Stuttgart: BW-agrar, 61. Jg., Heft 36, S. 17 – 18, 2009. |
| [8] | Münchner Rück: Topics Geo. Jahresrückblick Naturkatastrophen 2005. München: Münchener Rückversicherungs-Gesellschaft, 2006. |
| [9] | Geller, W.; Ockenfeld, K.; Böhme, M.; Knöchel, A.: Schadstoffbelastung nach dem Elbe-Hochwasser 2002. Magdeburg: UFZ – Umweltforschungszentrum Leipzig - Halle, 462 S., 2004. |
| [10] | Horst, K.; Koch, E.; Stamm, R.A.: Zur biologischen und landschaftsökologischen Bedeutung der Hecken in schutzwürdigen Teilen der Lüneburger Elbmarsch. Lüneburg: Jahrbuch Naturwiss. Verein Fürstentum Lüneburg, Bd. 35, S. 77 – 142, 1981. |
| [11] | Koch, E.: Nachhaltiger Hochwasserschutz. Düsseldorf: Umweltmagazin, Heft 10-11, S. 77, 2009. |
| [12] | Münchener Rück: Schadenspiegel – Themenheft Risikofaktor Wasser. München: 48. Jahrgang, S. 1- 48, 3/2005. |
| [13] | Konold, W.: Oberschwäbische Weiher und Seen. Teil I. 1. Auflage. Landesanstalt für Umweltschutz Baden-Württemberg, Karlsruhe, S. 161- 164, 1987. |